Victor Hugo in Paris und auf Guernsey

Paris - Place des Vosges

Inmitten des Pariser Marais-Viertels liegt der hübsch angelegte Place des Vosges, der ursprünglich Place Royal hieß. Eingefasst ist der Platz von symmetrisch angeordneten Häusern mit Ziegelfassaden und Arkadengängen. Im zweiten Stock des Hauses Nr. 6 hat Victor Hugo viele Jahre gelebt und gearbeitet. Seit 1902  ist die 280 Quadratmeter große Wohnung ein vielbesuchtes Museum.

Vor Jahren waren wir schon einmal hier in den üppig ausgestatteten Räumlichkeiten des großen Romanciers. Die Wohnung ist nicht mehr im ursprünglichen Zustand, sie wurde stark verändert, doch sie spiegelt noch immer die Atmosphäre der damaligen Zeit wider. Die Aufteilung der Räume fokussieren einzelne Lebensabschnitte Hugos.

Wie damals gehen wir über das knarzende Parkett durch die überbordend eingerichteten Zimmer mit den vielen Erinnerungstücken, durchschreiten Raum um Raum, bis zum Ende, dem Sterbezimmer. Wir stellen uns vor, wie er, an seinem schlichten Stehpult, hier in diesen Räumen den Anfang von "Les Misérables" verfasst, wie er mit nachdenklicher Miene den Gänsekiel ins Tintenfass taucht. Lange schrieb er an diesem umfangreichen, gesellschaftskritischen Roman, den er erst während seines Exils auf Guernsey beendete. Mit dem entlassenen Galeerensträfling Jean Valjean wird exemplarisch auf das Elend der proletarisierten Arbeitermassen aufmerksam gemacht, die Paris in jenen Zeiten übervölkerten.



1881 war sein berühmter Roman "Der Glöckner von Notre-Dame" erschienen, in dem der bucklige Quasimodo der schönen Zigeunerin Esmeralda verfällt. Das monumentale Werk avancierte schnell zum Bestseller und brachte ihm viel Hochachtung ein.
Im Sommer des darauffolgenden Jahres bezog er dann zusammen mit seiner Frau Adèle und den fünf Kindern die Wohnung am Place des Vosges. Er liebte den Blick auf den Platz und empfing zahlreiche Gäste und Dichterkollegen.

Charles Dickens, der ihn im Januar 1847 dort besuchte, hielt seinen Eindruck folgendermaßen fest:
"Wir saßen zwischen alten Rüstungen, alten Wandteppichen, alten Truhen, düstren alten Stühlen und Tischen, pompösen alten Baldachinen aus alten Palästen, und die goldenen Löwen schienen mit altersschweren goldenen Kugeln zu kegeln. Die Atmosphäre bei den Hugos war inszeniert als romantisches Schauspiel und erinnerte an ein Kapitel aus einem seiner eigenen Bücher."

Victor Hugo wurde in 1802 Besancon geboren, seine Familie wechselte oft die Wohnungen, worunter der Junge litt. Noch nicht volljährig, veröffentlichte er bereits Gedichte und Tragödien und war schon früh als bedeutender Schriftsteller anerkannt. Vor einem Konflikt mit den Mächtigen seines Landes schreckte er nicht zurück. Doch seine politischen Einmischungen führten dazu, dass er das Land verlassen musste.

Nach fast zwanzig Jahren Exil, das er hauptsächlich auf der Kanalinsel Guernsey verbrachte, kehrte er zwar wieder nach Paris, aber nie wieder in die Wohnung am Place des Vosges zurück. Er starb im Mai 1885 in seinem Schlafzimmer in der Avenue d´Eylau. Das Bett mit den gewundenen Säulen im Sterbezimmer des Hugo-Museums ist das Original-Bett. Seine letzte Ruhestätte fand er im Panthéon.

 

Die Kanalinsel Guernsey

 

Nach Aufenthalten in Belgien und Jersey landete Victor Hugo schließlich auf der nur 64 Quadratkilometer großen Insel Guernsey, wo er sich ein verwunschenes Haus in der Hauptstadt St. Peter Port kaufte und es ähnlich üppig ausstattete wie die Wohnung am Pariser Place des Vosges.

Die individuell gestalteten Zimmer des Hauteville House sind phantasievoll dekoriert. Überall begegnet man den Initialen V und H. Als Liebhaber von Ziergegenständen und alten Möbeln suchte Hugo auf ganz Guernsey nach passenden Einrichtungsgegenständen und ließ das Haus nach seinen Vorstellungen umgestalten.

In der eher schlichten Dachkammer jedoch arbeitete er und schlief auf einer einfachen Matratze.

Hier - in seinem "Kristallpalast" schrieb er an einem Stehpult. Hier konnte er hinunterblicken auf die mittelalterliche Festung Castle Cornet und auf das offene Meer. Bis zur Insel Herm reichte der Blick, an klaren Tagen konnte er sogar die Schemen des 50 Kilometer entfernten Frankreich erkennen.

Er liebte ausgedehnte Spaziergänge entlang der Küste mit ihren von Blumen bewachsenen Felsklippen. Hier beobachtete er das Meer und die Landschaft. "Die Arbeiter des Meeres" ist auf Guernsey entstanden und beinhaltet unverkennbare Eigenheiten der Insel. "Die Land- und Seeleute verstehen, was den Teufel betriff, keinen Spaß. Die vom Canal, dem englischen Archipelagus und der französischen Küste haben ihre ganz bestimmten Vorstellungen von ihm" heißt es dort.

Nach seinem Tod übergaben Victor Hugos Erben das Haus der Stadt Paris. Es beherbergt heute das französische Honorarkonsulat. Drei seiner Räume, das Arbeitszimmer im Dachgeschoss, sowie der hübsch angelegte Garten sind Besuchern zugänglich. Da es noch immer Eigentum der Stadt Paris ist, kommt das Personal fast ausschließlich aus Frankreich.

Der Dichter wird immer noch sehr verehrt. In den Candie Gardens in Saint Peter Port steht eine große Statue, die ihn mit wehendem Mantel zeigt. Er blickt hinaus aufs Meer in Richtung Frankreich.