Annette von Droste-Hülshoff in Meersburg

 Denkmal neben der alten Burg, in dem sie die letzten Lebensjahre verbracht hat

Der Droste würde ich gern Wasser reichen, in alte Spiegel mit ihr sehen, verfasste die Lyrikerin Sarah Kirsch voller Hochachtung ein Gedicht über ihre Vorfahrin, die gern als die "größte deutsche Dichterin" bezeichnet wird. Mit Annette von Droste-Hülshoff, deren Konterfei seinerzeit den 20-DM-Schein zierte, kam ich bereits als Schülerin in Berührung - die Anfangszeilen ihres Gedichts "Der Knabe im Moor" sind mir noch immer präsent.

O schaurig ist’s über’s Moor zu gehn,/ Wenn es wimmelt vom Heiderauche,
Sich wie Phantome die Dünste drehn/ Und die Ranke häkelt am Strauche.

Mit der "Judenbuche" habe ich mich als 13-jährige im Deutschunterricht beschäftigen müssen - und damals natürlich nichts begriffen. Erst viel später habe ich verstanden, mit welchem Können und psychologischer Einsicht hier ein Fräulein vom Stande die sie umgebende Wirklichkeit wahrgenommen hat, denn die (Kriminal-)Geschichte beruht auf einer wahren Begebenheit.

Meersburg alte Burg

Nun stehe ich mit der Freundin vor der alten Burg, in der sie in den Jahren 1841 bis 1848 bei ihrer Schwester und deren Mann, Freiherrn Joseph von Lassberg, lebte. Dort hatte die Dichterin eine abgetrennte Wohnung, die sie Spiegelei nannte, nach deren ehemaligem Bewohner, einem Gefangenenwärter namens Spiegel. Die Wohnräume und auch ihr Sterbezimmer sind zu besichtigen.

Ich sehe sie vor mir, wie sie vom Turm aus, der zu ihrer Wohnung gehörte, hinausschaut auf den Bodensee.

Wär‘ ich ein Jäger auf freier Flur,
Ein Stück nur von einem Soldaten,
Wär‘ ich ein Mann doch mindestens nur,
So würde der Himmel mir raten;
Nun muß ich sitzen so fein und klar,
Gleich einem artigen Kinde,
Und darf nur heimlich lösen mein Haar,
Und lassen es flattern im Winde!

"Auf dem Hinterkopf wippte ein Vogelnest aus Zöpfen und die Haare hinter ihren Ohren hingen in der Form gedrehter Hobelspäne am straff gekämmten Haupt." Kare Duve in "Fräulein Nettes kurzer Sommer" über "die zweite Sapho".

 Geboren ist Annette Freifrau von Droste-Hülshoff im Januar 1797 auf der familieneigenen Burg Hülshoff bei Münster. Von jeher war sie klein, zart und kränklich. Es war die Zeit des Biedermeier mit all ihren Einschränkungen, in der sie groß wurde. Es ist überliefert, dass sie ein intelligentes und manchmal etwas vorlautes Kind war, das sich so leicht nichts vorschreiben ließ. Manchmal konnte sie eine richtige Nervensäge sein. "Als Annette heranwuchs, gesellte sich zu der zerbrechlichen Konstitution ein heftiges und störrisches Wesen", schreibt Karen Duve.

Ihre ältere Schwester Jenny war ihre Vertraute, mit der sie sich zeitlebens eng verbunden fühlte. Schon früh begann sie mit dem Dichten. Erstmals verbrachte sie den Winter 1841 bei ihrer Schwester in Meersburg. Angespornt und inspiriert durch ihren jungen Seelenfreund Levin Schücking schrieb sie dort etliche bedeutende Gedichte, die den Grundstock ihrer zweiten Gedichtsammlung bildeten. Darunter "Am Thurme" und "Das Spiegelbild".

Blick' in mein Aug', Levin.
Ist's nicht das Deine?

Von ihrer innigen Zuneigung zu Levin Schücking - er war der Sohn ihrer verstorbenen Freundin - sollte niemand außerhalb Meersburg etwas wissen. Alters- und Standesunterschied waren zu groß, und die Dichterin wollte Klatsch und Tratsch darüber um jeden Preis vermeiden. Aus diesem Grund belog sie sogar ihre Mutter.

Im September 1844 erschien im renommierten Stuttgarter Cotta-Verlag ihr neuer Gedichtband. Schücking hatte für sie ein stattliches Honorar ausgehandelt hatte, sodass sie in der Lage war, von dem Honorar ein hoch in den Weinbergen gelegenes Haus zu ersteigern.

Wir gehen durch den Weinberg die Treppen hoch zum Fürstenhäusle, das sie vier Jahre vor ihrem Tod - zum Preis von 400 Talern erwarb. "Ich habe recht viel Freude an diesem Kauf“, schrieb sie einer Freundin. Das Haus hoch oberhalb Meersburg blieb Inspiration und Vision, denn sie war gesundheitlich stark angeschlagen. Sie richtete es mit viel Liebe ein, jedoch leben konnte sie nicht mehr dort.

Das Fürstenhäusle

„Jetzt muss ich Ihnen auch sagen, dass ich seit acht Tagen eine grandiose Grundbesitzerin bin. Ich habe das blanke Fürstenhäuschen, was neben dem Weg zum Frieden liegt, in einer Steigerung nebst dem dazugehörigen Weinberge erstanden, und wofür? Für 400 Reichsthaler! Die Aussicht ist fast zu schön, d. h. mir zu belebt, was die Nah-, und zu schrankenlos, was die Fernsicht betrifft", schrieb sie in einem Brief an ihre Freundin Elise Rüdiger.

Der Wellen Zucken ward ein lächelnd Winken,
An jedem Zweige sah ich Tropfen blinken,
Und jeder Tropfen schien ein Kämmerlein,
Drin flimmerte der Heimat Lampe Schein.

(aus: Mondaufgang)

Alle Zimmer des "Fürstenhäusle" sind liebevoll restauriert und hübsch hergerichtet.

Im Paradezimmer

"Annette war inzwischen erwachsen geworden. Das Gesicht des jungen Freifräuleins hatte sich zu einem blassen, schmalen Oval geformt - mit einem kleinen, hübsch geschwungenen Mund, einer langen, feinen, wenn auch etwas schiefen Nase und großen, wässrigen  und leider Gottes, es ließ sich nicht beschönigen, auch ziemlich vorstehenden Augen - kurzsichtig wie die eines Maulwurfs." - So beschreibt die Schriftstellerin Karen Duve Annette von Droste-Hülshoff in ihrem gut recherchierten Roman "Fräulein Nettes kurzer Sommer", der ein authentisches Bild vom Leben zu Beginn des 19. Jahrhunderts entstehen lässt (Erschienen: 2018).

Wir, die beiden Nachgeborenen richten unsere Brillen, werfen einen Blick in die Mitte des 19. Jahrhunderts und betrachten ferne Leben. Die Brüder Grimm hat sie nicht sonderlich gemocht, heißt es, Wilhelm hat sie "Wilhelm Unwill" genannt.  Einzig den jungen Levin Schücking ließ sie nah an ihre Seele heran wie sonst keinen Mann. Wir durchstreifen Räume, reale und solche der Phantasie, bevor wir den Abstieg hinunter in den Ort antreten. Zurück zur Zivilisation.

Ihr Schreibtisch

Das Arbeitszimmer mit Blick auf den Bodensee nannte sie ihr "Schwalbennest".

 

„Die Dichtung der Annette ist in Wahrheit eine Verdichtung: Aus tausend Blumenblättern ist ein Tropfen Wohlgeruch gepreßt.“ Ricarda Huch