Literateninseln Rügen und Hiddensee

Rügen

 

Unendlich weit reicht der Blick über das Meer. Die Küste ist vielgestaltig, breite Strände mit feinstem Sand wechseln sich ab mit schroffen Steilküsten, am Himmel Möwenschwärme. Gleich hinter dem Meer liegen seichte Buchten, die Boddengewässer, die jetzt im Herbst Rastplatz für zahllose Kranichschwärme bieten.

Zahlreiche Dichter und Künstler haben den Besonderheiten der größten deutschen Insel nachgespürt und sich von der außergewöhnlichen Atmosphäre inspirieren lassen. Theodor Fontane lässt seine Effi Briest nach Rügen reisen und spiegelt in Ortsnamen und Sehenswürdigkeiten die Seele seiner berühmten Romanheldin. Elizabeth von Arnim hat ihre Eindrücke in ihrem Reisetagebuch "Elizabeth auf Rügen" festgehalten, das sie im Jahr 1904 veröffentlichte. Das Büchlein macht noch heute Lust auf eine Rügen-Reise.

Herbst, das ist die Zeit, wenn der scharfe Wind einem das Haar zerzaust und Tränen in die Augen treibt. Wir trotzen dem Sturm, halten uns hauptsächlich im Osten der Insel auf. Logieren in Binz mit seinen weißen, im Stil der Bäderarchitektur gestalteten Ferienpensionen und Hotels. Binz, ein ehemaliges Fischerdorf, ist das größte Seebad auf der Insel. Die lange Strandpromenade mit charmanten Häusern, die Erker und Türmchen zieren, lädt zum Flanieren ein.

Mit dem Fahrrad erkunden wir die nähere Umgebung. Atmen die ozonhaltige Seeluft ein. Dass auf Rügen die Uhren noch ein wenig anders gehen, beweist auch der "Rasende Roland", eine nostalgische Schmalspurbahn, die tagtäglich die Strecke von Lauterbach bis Göhren durchschnauft.

Was uns jedoch in besonderem Maße interessiert, ist das viereinhalb Kilometer lange Bauwerk der Nationalsozialisten, das die Organisation KdF (Kraft durch Freude) 1936 errichten ließ: Die Ferienanlage Prora zwischen Binz und Sassnitz - ein sichtbar gewordener Größenwahn aus der Hitler-Zeit. Dort in Prora sollte sich der deutsche Arbeiter erholen und neue Kraft tanken. Der Koloss war für 20.000 Menschen konzipiert, wurde jedoch nie fertiggestellt.

Wie kein anderer Gebäudekomplex auf Rügen erzählt Prora vom Wandel der Zeiten. Zu Beginn des Zweiten Weltkriegs wurde die Nutzung der monumentalen Anlage einem anderen Zweck zugeführt:  Die Bauarbeiten wurden gestoppt und als Ausbildungsstätte für Luftwaffe und Polizei genutzt. Die Anlage war danach Lazarett der Wehrmacht, Flüchtlingsunterkunft für Menschen aus den früheren Ostgebieten, bis sie zu DDR-Zeiten als größte NVA-Kaserne genutzt wurde.

Im Jahr 2017 erwachte der Koloss zu neuem Leben: Findige Investoren haben die Anlage luxussaniert. Faschistisches Gedankengut gelte es somit zu überwinden. Modern und gläsern, den Denkmalschutz außer Acht lassend, kommt hier kaum noch jemand auf den Gedanken von Nazi- oder DDR-Ideologie. Nur in der Jugendherberge kann man noch ein wenig von dem früheren Geist atmen. Fragt sich nur, wie lange noch.

 

 Hiddensee

"Diese Klarheit! Dieses stumme und mächtige Strömen des Lichtes! Dazu der Salzgeschmack auf den Lippen", heißt es in Gerhart Hauptmanns Drama "Gabriel Schillings Flucht", das auf Hiddensee entstanden ist.

Die Ostsee-Insel im Bodden wird gern die 'kleine Schwester von Rügen' genannt.  Mit der Fähre setzen wir über. Vorbei geht es an den berühmten weißen Felsformationen, die Caspar David Friedrich in Zeichnungen und Gemälden verewigte und erreichen bald den Hafen von Hiddensee.

 

Hier, wo man in der Nachkriegszeit noch mit Baumwollnetzen fischte, kann man das Treiben der großen weiten Welt weitgehend ignorieren. Hier ist alles überschaubar: Ein fast menschenleerer Zufluchtsort hinter Strandhafer. Kein Auto weit und breit. Überall leuchten die orangefarbenen Beeren des Sanddorn, die nicht gepflückt werden, sondern gemolken. Auf Hiddensee finden sich Brutgebiete zahlreicher Vogelarten. Besonders auf den begehbaren Teilen der so genannten Bessine, den neuen Landbildungen, kann man seltene Küstenvögel beobachten.

Vier Dörfer  mit ca. 1.200 Einwohnern gibt es auf Hiddensee. Die Insel ist 16 km lang und an manchen Stellen sehr schmal, manchmal nur 300 Meter breit. Sie verfügt über zwei Leuchttürme, drei Häfen, eine Inselkirche aus dem 15. Jahrhundert und ein berühmtes, gern besuchtes Künstlerhaus, in dem der Nobelpreisträger Gerhart Hauptmann während der Sommermonate von 1926 bis 1943 zusammen mit seiner Frau lebte.

Gerhart Hauptmanns Sommerhaus in Kloster auf Hiddensee:

"Von diesem Jahre  (1885) ab verflocht sich Hiddensee unlöslich in mein Schicksal. Aber erst nach einem halben Jahrhundert gegenseitiger  Treue kam der Augenblick, auf dem Eiland ein kleines Anwesen zu erwerben und also dort wirklich Fuß zu fassen", schrieb er im Jahr 1933.

"Haus Seedorn" ist eines der wenigen im Originalzustand erhaltenen Dichterhäuser. Im Jahr 2012 wurde es um einen Ausstellungspavillon erweitert. Eine Dauerausstellung beschäftigt sich mit der literarischen Moderne und ermöglicht mit Wort, Bild und Film eine Begegnung mit Künstlern, die ihre Sommerfrische hier genossen.

Eine gern erzählte Anekdote ist die legendäre Begegnung der Familien Hauptmann und Mann im Jahr 1924, als beide in Frau von Sydows Hotelpension "Haus am Meer" in Kloster logierten. Dass der auf Hiddensee sehr bekannte und beliebte Gerhart Hauptmann im Mittelpunkt stand, soll Thomas Mann und seine Frau Katia nicht unbedingt erfreut haben.

Ein schöner Gedanke: Vielleicht ist Mascha Kalékos berühmtes kleines Gedicht Man braucht nur eine Insel vielleicht von Hiddensee inspiriert worden.

Man braucht nur eine Insel
allein im weiten Meer.

Man braucht nur einen Menschen,
den aber braucht man sehr.

Der Anbau, der durch einen Kreuzgang mit dem Haupthaus verbunden ist, wurde nach Hauptmanns Vorstellungen gestaltet.

Wir gehen durch die einzelnen Räume, in denen zahlreiche Hinterlassenschaften des Dichters und seiner Familie eine Vorstellung davon geben, wie der man damals hier lebte. Während der Inselaufenthalte entstanden zahlreiche Gedichte und andere Werke.  Die im Haus befindlichen Gemälde entstammen dem Besitz Gerhart Hauptmanns, der sich hier regelmäßig mit Künstlerkollegen traf.

Wir verweilen ein wenig in der Bibliothek und stöbern in Büchern, die der Nobelpreisträger in Händen hielt - ein erhabenes Gefühl. Zu einem Gang zum Inselfriedhof, wo Hauptmann, der im Jahr 1946 starb, begraben liegt, reicht die Zeit leider nicht mehr.

Weitere Künstler, die die Insel besuchten, waren Friderich Hollaender und Albert Einstein. Ernst Freud, der Sohn  von Sigmund Freud, hatte hier ebenfalls ein Sommerhaus. Günter Grass, der eine Hiddenseerin heiratete - die Tochter des alten Inselarztes - hielt sich ebenfalls öfter hier auf. Auch Käthe Kollwitz war in den 20er Jahren oft in Vitte auf Hiddensee.

Auf dieser Insel spielt auch Nina Hagens erster großer Hit "Du hast den Farbfilm vergessen", der von einem Sommerflirt  erzählt. Damals, 1974, als es noch zwei deutsche Staaten gab, war am dortigen FKK-Strand einiges los. Jeder in der DDR kannte Nina Hagen mit den großen Kulleraugen. "Ich, frech im Mini", verführte sie einen gewissen Micha. "Und Landschaft ist auch da." Es wurde lange gerätselt, wer denn nun Micha ist ... die Sängerin war jedoch nachweislich nie auf Hiddensee.

Heute braucht man keinen Farbfilm mehr, um Erinnerungen festzuhalten. Die Digitalkamera bewahrt alles: Die Dünenlandschaft, den Bodden, die versteckt hinter Dünen liegenden Häuser, das Meer und die Möwen. Und ein wenig Ferienglück, das bald dem Ende zugeht.