Literateninseln Rügen und Hiddensee

Rügen

 

Ein erster Besuch im Jahr 2009

Unendlich weit reicht der Blick über das Meer. Die Küste ist vielgestaltig, breite Strände mit feinstem Sand wechseln sich ab mit schroffen Steilküsten, am Himmel Möwenschwärme. Gleich hinter dem Meer liegen seichte Buchten, die Boddengewässer, die jetzt im Herbst Rastplatz für zahllose Kranichschwärme bieten.

Zahlreiche Dichter und Künstler haben den Besonderheiten der größten deutschen Insel nachgespürt und sich von der außergewöhnlichen Atmosphäre inspirieren lassen. Theodor Fontane lässt seine Effi Briest nach Rügen reisen und spiegelt in Ortsnamen und Sehenswürdigkeiten die Seele seiner berühmten Romanheldin. Elizabeth von Arnim hat ihre Eindrücke in ihrem Reisetagebuch "Elizabeth auf Rügen" festgehalten, das sie im Jahr 1904 veröffentlichte. Das Büchlein macht noch heute Lust auf eine Rügen-Reise.

Herbst, das ist die Zeit, wenn der scharfe Wind einem das Haar zerzaust und Tränen in die Augen treibt. Wir trotzen dem Sturm, halten uns hauptsächlich im Osten der Insel auf. Logieren in Binz mit seinen weißen, im Stil der Bäderarchitektur gestalteten Ferienpensionen und Hotels. Binz, ein ehemaliges Fischerdorf, ist das größte Seebad auf der Insel. Die lange Strandpromenade mit charmanten Häusern, die Erker und Türmchen zieren, lädt zum Flanieren ein.

B
äderarchitektur in Binz

Mit dem Fahrrad erkunden wir die nähere Umgebung. Atmen die ozonhaltige Seeluft ein. Dass auf Rügen die Uhren noch ein wenig anders gehen, beweist auch der "Rasende Roland", eine nostalgische Schmalspurbahn, die tagtäglich die Strecke von Lauterbach bis Göhren durchschnauft. Die Höchstgeschwindigkeit des rollenden Museums beträgt 30 km/h.

Was uns jedoch in besonderem Maße interessiert, ist das viereinhalb Kilometer lange Bauwerk der Nationalsozialisten, das die Organisation KdF (Kraft durch Freude) 1936 errichten ließ: Die Ferienanlage Prora zwischen Binz und Sassnitz - ein sichtbar gewordener Größenwahn aus der Hitler-Zeit. Dort in Prora sollte sich der deutsche Arbeiter erholen und neue Kraft tanken. Der Koloss war für 20.000 Menschen konzipiert, wurde jedoch nie fertiggestellt.


Gilt als das längste Gebäude der Welt: Der Koloss von Prora

Wie kein anderer Gebäudekomplex auf Rügen erzählt Prora vom Wandel der Zeiten. Zu Beginn des Zweiten Weltkriegs wurde die Nutzung der monumentalen Anlage einem anderen Zweck zugeführt:  Die Bauarbeiten wurden gestoppt und als Ausbildungsstätte für Luftwaffe und Polizei genutzt. Die Anlage war danach Lazarett der Wehrmacht, Flüchtlingsunterkunft für Menschen aus den früheren Ostgebieten, bis sie zu DDR-Zeiten als größte NVA-Kaserne genutzt wurde.

Nachtrag: Im Jahr 2017 erwachte der Koloss zu neuem Leben: Findige Investoren haben die Anlage luxussaniert. Faschistisches Gedankengut gelte es somit zu überwinden.
Das zugehörige Dokumentationszentrum ist täglich geöffnet. Zur Zeit (Herbst 2022) finden dort weiter umfangreiche Bauarbeiten statt.

 
 Warten auf die Fähre nach Hiddensee


Hiddensee

"Diese Klarheit! Dieses stumme und mächtige Strömen des Lichtes! Dazu der Salzgeschmack auf den Lippen", heißt es in Gerhart Hauptmanns Drama "Gabriel Schillings Flucht", das, wie viele andere seiner Werke, auf Hiddensee entstanden ist.

Die Ostsee-Insel im Bodden wird gern die 'kleine Schwester von Rügen' genannt.  Mit der Fähre setzen wir über. Vorbei geht es an den berühmten weißen Felsformationen, die Caspar David Friedrich in Zeichnungen und Gemälden verewigte, und erreichen bald den Hafen von Hiddensee.

 
Die berühmten Kreidefelsen

Hier, wo man in der Nachkriegszeit noch mit Baumwollnetzen fischte, kann man das Treiben der großen weiten Welt weitgehend ignorieren. Hier ist alles überschaubar: Ein fast menschenleerer Zufluchtsort hinter Strandhafer. Kein Auto weit und breit. Überall leuchten die orangefarbenen Beeren des Sanddorn, die nicht gepflückt werden, sondern gemolken. Auf Hiddensee finden sich Brutgebiete zahlreicher Vogelarten. Besonders auf den begehbaren Teilen der so genannten Bessine, den neuen Landbildungen, kann man seltene Küstenvögel beobachten.

Vier Dörfer mit ca. 1.200 Einwohnern gibt es auf Hiddensee. Die Insel, die einem Seepferdchen ähnelt, ist 16 km lang und an manchen Stellen sehr schmal, höchstens 3 Kilometer breit. Sie verfügt über zwei Leuchttürme, drei Häfen, eine Inselkirche aus dem 15. Jahrhundert und ein berühmtes, gern besuchtes Künstlerhaus, in dem der Nobelpreisträger Gerhart Hauptmann während der Sommermonate von 1926 bis 1943 zusammen mit seiner zweiten Frau Margarethe lebte. Als Dreiundzwanzigjähriger besuchte er zum ersten Mal die Insel.

Gerhart Hauptmanns Sommerhaus in Kloster auf Hiddensee:

"Von diesem Jahre  (1885) ab verflocht sich Hiddensee unlöslich in mein Schicksal. Aber erst nach einem halben Jahrhundert gegenseitiger  Treue kam der Augenblick, auf dem Eiland ein kleines Anwesen zu erwerben und also dort wirklich Fuß zu fassen", schrieb er im Jahr 1933.

"Haus Seedorn" in Kloster ist eines der wenigen im Originalzustand erhaltenen Dichterhäuser. Im Jahr 2012 wurde es um einen Ausstellungspavillon erweitert. Eine Dauerausstellung beschäftigt sich mit der literarischen Moderne und ermöglicht mit Wort, Bild und Film eine Begegnung mit Künstlern, die ihre Sommerfrische hier genossen.

Wie Katia Mann in ihren "ungeschriebenen Memoiren" erwähnt, schätzte ihr Gatte Thomas durchaus den Dramatiker Hauptmann. Man traf sich häufiger. Jedoch dass der auf Hiddensee sehr bekannte und beliebte Gerhart Hauptmann dort derart im Mittelpunkt stand, hat Katia Mann zu der Bemerkung hingerissen: "Unsere Nachbarschaft in Hiddensee war etwas ärgerlich, weil Hauptmann doch der König von Hiddensee war. Er hatte uns sehr geraten, dort hinzukommen. Nun war er aber dermaßen eindeutiger König, dass für uns dort wenig Aufmerksamkeit abfiel. Wir wohnten im 'Haus am Meer', 'seinem' Haus, hatten aber mit den übrigen Gästen im Speisesaal zu essen und bekamen sehr mäßiges Essen, wohingegen Hauptmann köstliche Speisen auf die Zimmer hinaufgetragen wurden. Das Ganze war etwas verdrießlich."

Der Anbau, der durch einen Kreuzgang mit dem Haupthaus verbunden ist, wurde nach Hauptmanns Vorstellungen gestaltet.

Wir gehen durch die einzelnen Räume, in denen zahlreiche Hinterlassenschaften des Dichters und seiner Familie eine Vorstellung davon geben, wie man damals hier lebte. Im Schlafzimmer hat er nächtliche Einfälle an der Wand notiert. Am Stehpult in seinem Arbeitszimmer entstanden zahlreiche Gedichte und andere Werke. Die im Haus befindlichen Gemälde entstammen dem Besitz Gerhart Hauptmanns, der sich hier regelmäßig mit Künstlerkollegen traf.

Wir verweilen ein wenig in der Bibliothek und stöbern in Büchern, die der Nobelpreisträger in Händen hielt - ein erhabenes Gefühl. Zu einem Gang zum Inselfriedhof, wo Hauptmann, der im Jahr 1946 starb, begraben liegt, reicht die Zeit leider nicht mehr.

Weitere Künstler, die die Insel besuchten, waren Friderich Hollaender und Albert Einstein. Ernst Freud, der Sohn von Sigmund Freud, hatte hier ebenfalls ein Sommerhaus. Günter Grass, der eine Hiddenseerin heiratete - die Tochter des alten Inselarztes - hielt sich ebenfalls öfter hier auf. Auch Käthe Kollwitz war in den 20er Jahren oft in Vitte auf Hiddensee, und während eines Winteraufenthaltes hat Hans Fallada an seinem Kleine-Leute-Epos "Kleiner Mann - was nun?" gearbeitet, der 1932 erschien und ein Welterfolg wurde. Logiert hatte er damals in einem Zimmer des Neuendorfer Gasthauses "Freese".

 

Ein schöner Gedanke: Vielleicht ist Mascha Kalékos berühmtes kleines Gedicht Man braucht nur eine Insel  von Hiddensee inspiriert worden.

Man braucht nur eine Insel
allein im weiten Meer.

Man braucht nur einen Menschen,
den aber braucht man sehr.

Auf dieser Insel spielt auch Nina Hagens erster großer Hit "Du hast den Farbfilm vergessen", der von einem Sommerflirt  erzählt. Damals, 1974, als es noch zwei deutsche Staaten gab, war am dortigen FKK-Strand einiges los. Jeder in der DDR kannte Nina Hagen mit den großen Kulleraugen. "Ich, frech im Mini", singt sie davon, wie sie einen gewissen Micha verführt. "Und Landschaft ist auch da." Es wurde lange gerätselt, wer denn nun Micha sein könnte ... die Sängerin war jedoch nachweislich nie auf Hiddensee.

Heute braucht man keinen Farbfilm mehr, um Erinnerungen festzuhalten. Die Digitalkamera bewahrt alles: Die Dünenlandschaft, den Bodden, die versteckt hinter Dünen liegenden Häuser, das Meer und die Möwen. Und ein wenig Ferienglück mit der Tochter, das bald dem Ende zugeht.

Hiddensee revisited

Im Herbst 2022 komme ich ein zweites Mal für ein paar Stunden auf die Insel, die von den Einheimischen liebevoll das "söte länneken" (süße Ländchen) genannt wird. Manches wirkt vertraut und endlich kann ich die Orte besuchen, für die damals keine Zeit war: Die wunderhübsche kleine Inselkirche und den Friedhof.


Als "Bauernkirche" wurde die Inselkirche 1332 in Kloster eingeweiht

Die Inselkirche befand sich vor dem Tor des des Zisterzienserklosters, das heute nicht mehr existiert. Die Kirche selbstwurde mehrfach umgebaut. Noch immer werden hier, nach alter Tradition, alle Täuflinge mit Ostseewasser getauft.
Die eindrucksvolle Bemalung führte 1922 der Berliner Maler Nikolaus Niemeier. Die Decke der Inselkirche ist heute ihr Wahrzeichen und gemeinhin als »Hiddenseer Rosenhimmel« bekannt.
In der Kirche finden sowohl Gottesdienste als auch Veranstaltungen statt. Sie ist ganzjährig geöffnet.


Das Grab Gerhart Hauptmanns auf dem Hiddenseer Friedhof

Die ältesten Grabsteine auf dem historischen Gräberfeld findet man links am Weg zur Kirche. Die Gräber sind fast durchgehend mit grünen Büschen eingerahmt. Hier sind neben den Hiddenseern auch bekannte Persönlichkeiten aus Wissenschaft, Kunst und Kultur begraben. Obwohl Gerhart Hauptmann hier nur seinen Sommersitz hatte, wollte er dennoch hier beerdigt werden, statt in seiner schlesischen Heimat Agnetendorf.

Mit seiner mehr als hundertjährigen Geschichte als Insel der Künstler und Poeten ist Hiddensee zu einem Teil deutscher Kultur geworden, einem Mikrokosmos deutscher Kunstgeschichte, der immer noch lebendig ist. Etliche Maler haben hier gewirkt. Die dänische Stummfilm-Schauspielerin Asta Nielsen verbrachte hier ab 1929 ihre Sommerfrische. Aufgrund der ungewöhnlichen Form des Hauses nannte sie es Karusel (dänisch für Karussell). Seit 2015 ist das Haus für die Öffentlichkeit zugänglich.
Für Autoren und Musiker gibt es über temporäre Veranstaltungen hinaus die Möglichkeit des "Artist in Residence" im Hauptmann-Haus.

Am Gerhart-Hauptmann-Haus gehe ich vorbei und luge durch den Zaun. Diesmal ist die Zeit zu kurz für einen zweiten Besuch. In einem Flyer lese ich, dass viele Bücher, Bilder und Filme Hiddenssee als Ort der Moderne erfahrbar machen: "Kosmopolitisch und abgeschieden zugleich, verwoben in der Kulturgeschichte Europas und von Gerhart Hauptmann zu Recht als 'das geistigstes aller deutschen Seebäder' bezeichnet."


Hinter Bäumen versteckt: Das Gerhart-Hauptmann-Haus

Ich wäre gern noch ein Weilchen geblieben, doch die Fähre zurück nach Rügen wartet schon.
Auf der Fähre fällt mir ein Plakat auf, das darüber informiert, wie Gerhart Hauptmann nach Hiddensee kam. Aus dem Sommer 1916 oder 1917 - so genau weiß man es nicht mehr - stammt das Foto mit der Widmung für den Kapitän Benzin: "Zur freundlichen Erinnerung an den alten Fahrgast Gerhart Hauptmann".