Arles - Die Vincent-Van-Gogh-Stadt

 

Das südfranzösische Arles war eine der Stationen während meiner Schiffs-Lesereise auf der Rhône im Sommer 2016. In der Hafenstadt in der Provence begegnet man überall dem Maler Vincent Van Gogh, der hier seine schaffensreichste Zeit verbrachte: An zahllosen Postkartenständen, bei einem Van-Gogh-Rundgang, und neuerdings auch in einem eigens für den berühmten Bewohner der Stadt errichteten Museum. Das gelbe Haus an der Place Lamartine, in dem er wohnte, wurde zwar bei einem Bombenangriff der Alliierten am 25. Juni 1944 zerstört, aber sowohl sein Äußeres als auch sein Inneres ist aufbewahrt in etlichen Gemälden.

Depressiver Künstler


Der Holländer van Gogh kam nach Arles des berühmten Lichtes wegen. In einer furiosen Schaffensphase hat er blühende Gärten gemalt, Sternennächte und auch das Bild, das jedes Kind kennt: Die Sonnenblumen. Nur 15 Monate hat er in dieser Stadt gelebt. Es war ein unruhiges Leben voller Dramatik - Vincent van Gogh war kein einfacher Zeitgenosse.

Sternennacht - Starry Night



Hochsensibel war er. Besessen. Depressiv. Leidenschaftlich. Und er hatte einen Drang zum Zerstörerischen. Damit hat er etwas gemeinsam mit einer Künstlerin, mit der ich mich intensiv beschäftigt habe: Die amerikanische Lyrikerin Anne Sexton (1928-1974). Ihr Gedicht "Starry Night" wurde von Van Goghs  "Sternennacht" inspiriert. In der Zeit seiner Entstehung befand sie sich - nicht zum ersten Mal - in einer Lebenskrise und suchte inständig nach einem Halt, einer Orientierung. In dem Maler sah sie einen Wesensverwandten, in dem Motiv des sternenübersäten Nachthimmels keine romantische Assoziation, sondern Ausdruck dunkler emotionaler Turbulenzen.

The town is silent. The night boils with eleven stars.
Oh starry starry night! This is how
I want to die.

Ans Sterben hat auch Van Gogh oft gedacht. Wenn ihn die Alpträume besonders plagten, hat er dem Absinth in einem unguten Maße zugesprochen. Seine Bilder wollte niemand kaufen. Ohne die Unterstützung seines Bruders Theo hätte er nicht existieren können. Ganze zwei Gemälde ist er zu Lebzeiten losgeworden - für einen lächerlichen Preis. Dass sie heute für mehrstellige Millionenbeträge gehandelt werden, ist eine Ironie des Schicksals.

Das gelbe Haus - Maison Jaune

In diesem Haus an der Place Lamartine hat Van Gogh zwei Monate lang zusammen mit Paul Gauguin gelebt. Es war nicht die feinste Gegend damals, hier tummelten sich Huren und Bettler. Das schmuddelige Gässchen, in dem das gelbe Haus stand, ist irgendwann abgerissen worden und einer Avenue gewichen.

Die beiden Freunde arbeiteten viel im Freien und malten die gleichen Motive, darunter auch den Garten des Hôtel Dieu, des städtischen Krankenhauses. Sie waren sich in vielem uneins, haben intensiv diskutiert und gestritten. Einmal sind sie derart aneinander geraten, dass der Holländer den Franzosen beinahe umgebracht hätte. Dabei hatte Van Gogh die Ankunft des geschätzten Kollegen voller Ungeduld erwartet.

Was während dieser acht Wochen zwischen den Freunden geschah, ist bis heute nicht vollständig geklärt, obwohl zahlreiche Forscher vieles daran gesetzt haben,  Licht ins Dunkel zu bringen. Überliefert ist, dass sich Vincent Van Gogh, der sich zeitweise selbst als "verrückt" bezeichnete, im Dezember 1888 nach einem weiteren heftigen Streit mit Gauguin sein linkes Ohr abschnitt. Das hat er, eingewickelt in Zeitungspapier, zu dem Barmädchen Rachel in ein nahegelegenes Bordell gebracht. Am nächsten Morgen wurde er inmitten einer Blutlache in seinem Bett aufgefunden, worauf man ihn ins Krankenhaus Hôtel Dieu brachte. Gauguin ist noch am selben Tag abgereist. Die ehemaligen Freunde haben sich nie wieder gesehen.

Der Hospitalgarten des städtischen Krankenhauses Hôtel Dieu

 

Ich schlendere durch den Garten mit seinen vielen blühenden Blumen. Hier scheint die Zeit stehengeblieben zu sein. Das Areal ist noch immer so angelegt wie auf den Bildern Van Goghs. Nach einem kurzen Aufenthalt in diesem Krankenhaus ist er auf eigenen Wunsch in die unweit gelegene Nervenheilanstalt Saint-Paul-de Mausole in Saint-Rémy-de-Provece übergesiedelt.  Dort malte er - unter anderem - die Sternennacht.

Die Geschichte um das abgeschnittene Künstlerohr und das Barmädchen fasziniert noch heute und gibt immer wieder zu neuen Spekulationen Anlass. Es wird gar behauptet, dass sich der Maler nicht selbst verstümmelt habe – Paul Gauguin sei es gewesen.  Diejenigen, die diese Fragen eindeutig beantworten könnten, haben uns jedoch mehr hinterlassen als eine verrückt anmutende Geschichte: Wunderbare Werke, die ihresgleichen suchen.

Malen und Sterben

Auch um Van Goghs Tod ranken sich etliche Spekulationen. Sicher ist, dass er durch eine Kugel ums Leben gekommen ist. Selbstmord, wie es hieß. Doch es wird nicht ausgeschlossen, dass es sich auch um einen Unfall gehandelt haben könnte.

In seinen zahlreichen hinterlassenen Briefen findet sich eine Fülle von Hinweisen auf sein malerisches Werk. Hauptsächlich mit seinem Bruder Theo, der ihn zeitlebens unterstützte und der als Vincents engste Bezugsperson galt, hat er einen regen Briefwechsel geführt.

In einem Brief hat sich Anne Sexton, die sich ihrerseits mehrfach in Nervenheilanstalten aufhielt, folgendermaßen geäußert: "... the only other interesting thing (is) a picture that Van Gogh painted at the nut house. It´s lovely. It writhes. It makes me want to stand out there with him taking my sleeping pills. Or maybe delay them for an hour or two and converse with him or be silent with him, whichever he felt like."

Kunst und Wahn, mentale Gesundheit und Krankheit liegen dicht beisammen. Wir Menschen würden so gerne alles ergründen, für alles Antworten finden, doch wir sollten uns darauf konzentrieren, dass uns die Künstler ihre wunderbaren und manchmal auch rätselhaften Werke hinterlassen haben. Die dazu einladen, sie auf dem Hintergrund unserer eigenen Erfahrungen immer wieder mit neuen Augen zu betrachten.

Mit diesem Bewusstsein bin ich durch diese Stadt geschlendert, in Gedanken daran, dass auf ebendiesen Wegen Van Gogh einst gegangen ist. Dass er seine Staffel am Ufer der Rhône aufstellte und dem Fließen des Wassers zuschaute, dass er im Hospital in einem Krankenzimmer gelegen hat und auf den Garten hinaussah oder hinauf zu dem nächtlichen Sternenhimmel, und wie er seine Wahrnehmungen auf solch unvergleichliche Weise in Bilder gebannt hat, die uns immer wieder in Staunen versetzen.