Pariser Impressionen

"Die Seine flüstert, französisch silbert die Luft ..." (Rose Ausländer)

 

Allein der Klang dieses Wortes löst unendlich viele Assoziationen aus: Paris. Mit 17 war ich zum ersten Mal da. Nur kurz auf Zwischenstation. Da muss mich ein Virus erwischt haben: Der Paris-Virus, den ich bis heute nicht überwunden habe.

Von der Métro - diesem unvergleichlichen Transportmittel durch die Pariser Unterwelt - war und bin ich begeistert. Schon im Jahr 1924 schrieb Kurt Tucholsky: "Die Pariser Méto ist stippevoll. In der zweiten Klasse quetschen sich die Leute wie die Heringe ..." Das größte U-Bahn-Netz der Welt, das im Sommer 1900 eröffnet wurde, ist auch für den Neuling sehr übersichtlich. Ohne die Métro würde die Stadt im Verkehrschaos ersticken.

Während meines allerersten Paris-Aufenthaltes fuhr ich mit der Métro schnurstracks zum Eiffelturm. Unter dem stählernen Koloss habe ich den besten Hot-Dog meines Lebens gegessen. Notre-Dame betrat ich voller Ehrfurcht und dachte: Wenn es tatsächlich einen Gott gibt, dann wohnt er hier in dieser Kirche. - Dass dies die Wirkstätte des buckligen Quasimodo war, wusste ich damals noch nicht.

Seitdem sind viele Jahre vergangen, ich habe viel über die französische Metropole und ihre Bewohner gelesen und gesehen - meine Besuche in der französischen Hauptstadt kann ich nicht mehr zählen.

"Dort lag sie, versilbert zwischen des Stromes Zeit, die da hinfloss ..." schrieb Pablo Neruda über Paris in einem Gedicht aus dem Jahr 1927

Auf dem Montmartre

An einem Samstag im November des Jahres 2017 komme ich an. Je suis à Paris - wieder mal. Ein kühlsonniger Herbstnachmittag, der einlädt, zum Montmartre hochzusteigen. Dorthin, wo die Künstler einst gewohnt, gedarbt, gemalt und gesoffen haben. Enge, kopfsteingepflasterte Gässchen und steile Treppen führen hinauf zu der Kirche mit den Zuckerbäckertürmchen, Sacre-Coeur, das geheiligte Herz. Viele viele Menschen scharen sich dort oben, auf den Stufen darunter wird ein Brautpaar fotografiert - Es wirkt wie eine Filmszene.

Jeden Moment könnte ein trötender Oldtimer um die Ecke kommen und mich mitnehmen auf eine Zeitreise. Mitten hinein in eine künstlerische Phantasiewelt. Hier auf dem Montmartre spielt Woody Allens Film Midnight in Paris, der auf bezaubernde Weise Gegenwart und Vergangenheit zusammenfließen lässt. Plötzlich meint man, sich mitten unter den illustren Bewohnern der Zwanziger Jahre zu befinden. Die matronenhafte Gertrude Stein ist da. Der exzentrische Jean Cocteau. Das Skandal-Paar Zelda und Scott Fitzgerald. Und natürlich Hemingway, der der französischen Metropole mit seinem Buch Paris, ein Fest fürs Leben ein literarisches Denkmal setzte. "Paris hat kein Ende, und die Erinnerung eines jeden Menschen, der dort gelebt hat, ist von der jedes anderen verschieden", heißt es dort.

Auch der Maler Henri Toulouse-Lautrec hat seinen Auftritt, im Film ebenso wie im Montmartre-Museum in der Rue Cortot. Dort ist vieles versammelt, was an die Belle Epoque erinnert: Plakate von Aristide Bruant im schwarzen Mantel mit rotem Schal, der in bissigen Chansons vom Leben der armen Leute sang. Ich sehe ihn vor mir, wie er auf einem Tisch in einer Ecke des "Chat noir" steht. Auch all die Damen, die zu den Klängen von Jacques Offenbach röckeschwingend den Can-Can tanzen, werden hier lebendig. Der Maler Toulouse-Lautrec lebte seit 1884 in diesem Stadtteil und war vom Nachtleben äußerst fasziniert. Mit scharfem Blick spürte er Orte und Szenen auf, die bis dato nicht unbedingt als kunstwürdig erschienen und malte das Treiben in den Cabarets in den unterschiedlichsten Varianten. Er, der körperlich beeinträchtigt war, nahm seine Umgebung mit anderen Augen wahr: "Überall und immer hat auch das Hässliche seine bezaubernden Aspekte", sagte er einmal.
Ähnliches dürfte auch Henry Miller gedacht haben, der hier ständig auf der Suche nach billigen Mädchen war, die er in seinen schlüpfrigen Romanen verewigte.

Im Garten weisen Tafeln darauf hin, dass hier einst Renoir einige seiner Impressionen malte, Le Bal du moulin de la Galette ist eines davon. An einem Baum hängt eine Schaukel und nährt die Illusion, es handele sich um eben jene gemalte La Balançoire im Jahr 1876.

Sehr hübsch das Atelier der Malerin Suzanne Valadon, der Mutter von Maurice Utrillo, einem der erfolgreichsten Maler des Montmartre. Suzanne Valadon, die mit sechzehn Jahren den Malern Toulouse-Lautrec, Renoir und Degas Modell gestanden hatte, ließ nie offiziell verlauten, wer der Vater ihres Sohnes war.

Legendär ist auch das Bateau-Lavoir, einst ein heruntergekommenes Haus, in dem Picasso, Modigliani und andere Berühmtheiten ihre Ateliers hatten. Die Form erinnerte an die Waschboote auf der Seine - daher der Name. Heute gibt ein Schaufenster Auskunft über den Ort, wo sich die Avantgarde der Künstlerwelt traf.

Ich denke an all die vielen anderen Künstler, die Paris unsterblich gemacht haben. Und ich denke an meine früheren Paris-Besuche zusammen mit der langjährigen Freundin, die ich auch dieses Mal wieder hier treffe.

Es wird bereits dunkel. Zwischen den Bäumen schimmert die untergehende Sonne. Zeit, ins Hotel zu gehen und mich mit der Freundin zu treffen. Das Hotel, das wir diesmal ausgesucht haben, ist im Stadtteil Neuilly, unweit des Bois du Boulogne.

Abends schlendern wir den lichterflimmernden Prachtboulevard Champs Elysées entlang, la plus belle avenue du monde. Manche der hochpreisigen Geschäfte haben bereits die Weihnachtsbeleuchtung eingeschaltet. Die illustren Namen sind beeindruckend, aber shoppen wollen wir nicht. Nur schauen und staunen. Die Seitenstraßen tragen Namen berühmter Männer. Hier irgendwo befand sich Heinrich Heines "Matratzengruft" - wo er elend gestorben ist. Seinem Bruder schrieb er, bereits schwerkrank: "Es ist ein kleines Loch, sehr lärmig ... Ich will zum nächsten Tore, vor die Barrière Montmartre hinausgetragen sein, und darum wohne ich ... in dieser zum Sterben gemachten Rue d´Amsterdam."
Der österreichische Dramatiker Ödön von Horvath, der sich im Jahr 1938 auf einer Durchreise befand, wurde bei einem Gewitter von dem herabfallenden Ast einer Ulme am Rond Point getötet.

In der Nähe befindet sich der Champs-Elysées-Palast, die Residenz des Staatspräsidenten. Hier wurde im Jahr 1963 die deutsch-französische Freundschaft besiegelt. Der sechste Präsident, Nicolas Sarkozy, hatte seinerzeit den Schwachen und Armen seine ehrliche Unterstützung zugesagt. "Sie sind nicht allein", hatte er beschwörend in präsidialem Ton verlauten lassen - anschließend zog er sich mit anderen Prominenten zum Essen ins Luxusrestaurant Fouquet' s zurück. Nun residiert ein anderer im Elysée-Palast - und die Franzosen hoffen, dass er es besser macht.

Auf einmal stehen wir vor dem Arc de Triomphe, Autos hupen, umkreisen den Bogen. Es riecht stark nach Abgasen, was unsere Überlegung, ins Hotel zu laufen, zunichte macht.

Im Bois du Bologne

Am nächsten Tag ist der Besuch im neuen Museum der Louis-Vuitton-Stiftung geplant. Dort ist gerade die MoMa zu Gast. Das futuristische Gebäude mitten im Bois du Boulogne erinnert an ein Schiff. "Wolke aus Glas" nennen es die Franzosen. Der Besuch lohnt sich. Hier ist alles vertreten, was modern ist: Picasso, Cezanne, Andy Warhol, Roy Liechtenstein und etliche kuriose Installationen. Von oben hat man einen schönen Blick auf die Stadt, auf das nahegelegene Hochhausviertel La Defense und natürlich auf den Eiffelturm. Man könnte ewig hier verweilen.

Am Nachmittag gehen wir ins Panthéon, Frankreichs Nationaltempel, der fast ausnahmslos den großen Männern der Stadt vorbehalten ist, was nicht nur Frauenrechtlerinnen bemäkelten. Unter Präsident Hollande wurde die Asche zweier Widerstandskämpferinnen ins Panthéon überführt. Neben 72 Männern, darunter Voltaire, Rousseau, Zola, Victor Hugo finden jetzt fünf Frauen hier die ewige Ruhe: Marie Curie, die Pionierin bei der Erforschung der Radioaktivität, Sophie Berthelot, die Gattin eines Chemikers, deren Mann verfügte, er wolle auch nach dem Tode stets seine Ehefrau an seiner Seite wissen. Eine der beiden neuen Heldinnen ist die 2008 im Alter von 101 Jahren gestorbene Germaine Tillion, die im besetzten Paris zahlreichen Häftlingen bei der Flucht half, und, nachdem man sie denunzierte, ins KZ Ravensbrück deportiert wurde. Ihre Aufzeichnungen sind vor Kurzem erstmals auf Deutsch unter dem Titel „Die gestohlene Unschuld“ erschienen. Die andere Widerstandskämpferin ist Geneviève de Gaulle-Anthonioz (1920–2002), eine Nichte Charles de Gaulles. Auch sie hat ihre Erinnerungen geschrieben: "Durch die Nacht". Im Februar 2017 wurde Simone Veil im Panthéon beigesetzt, eine Politikerin, auf die Frankreich stolz sein kann: mutig und moralisch integer und frei im Denken.

Im Panthéon hängt auch das Foucaultsche Pendel, nach dem Umberto Eco einen Roman benannt hat. Um den intellektuellen Gedankenspielen des Geschichtsprofessors folgen zu können, muss man allerdings über eine Menge Hintergrundwissen verfügen. So beginnt das Buch: "Da endlich sah ich das Pendel. Die Kugel, freischwebend am Ende eines langen, freischwebenden Fadens, der hoch in der Wölbung des Chores befestigt war, beschrieb ihre weiten, konstanten Schwingungen mit majestätischer Isochronie." Genau das kann man im Panthéon beobachten.

Entlang der Seine

Nach dem Abendessen schlendern wir noch ein wenig durch die belebten Straßen. Die Bouquinistes am Seine-Quai sind längst nach Hause gegangen. Ich höre die Seine flüstern und gurgeln und denke daran, dass allzuviele in dem träge dahinfließenden Gewässer den Tod suchten. Einer von ihnen war der deutsche Dichter Paul Celan, der sich Paris als Exil auserkor, nachdem er der Verfolgung durch die Nazis entkommen war. Doch die traumatischen Erfahrungen ließen ihn nicht los. Seine Wunden verarbeitete er zu Gedichten. Melancholische Sprachmelodien von zarter Trauer: "wir schaufeln ein Grab in den Lüften, da liegt man nicht eng ..." Im November des Jahres 1969 - einige Monate vor seinem Freitod - schrieb er: "Der Stadt Paris bin ich nicht mehr ganz gewachsen - und überhaupt dieser Welt und dieser Zeit."

In der Buchhandlung "Shakespeare and Company" brennt noch Licht, aber es ist geschlossen. Kein Wunder, wir sind schon spät. This store has rooms like chapters in a novel ...

In den zwanziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts war Sylvia Beachs "Shakespeare and Company" der Treffpunkt der verlorenen Generation, der lost generation. Die Kundenliste des Buchladens liest sich wie der Index einer modernen Literaturgeschichte. Simone de Beauvoir war als Kundin eingetragen, André Gide, Hemingway, Gertrude Stein und nicht zuletzt James Joyce, für den sich Sylvia Beach beispiellos einsetzte. Mit dem Druck des "Ulysses" ging sie ein großes verlegerisches Risiko ein, das ihr der später berühmt gewordene Ire nicht unbedingt dankte. Er versuchte, ihr die Verlagsrechte auf unschöne Weise möglich billigst abzuhandeln.

Es gäbe noch so vieles Liebgewonnene wiederzusehen und sich zu erinnern ... Der Jardin du Luxembourg, das Rodin-Museum, wo Rilke seinerzeit als Privatsekretär des berühmten Bildhauers tätig war und seine Erfahrungen in dem Roman "Malte Laurids Brigge" verarbeitete. Oder der Jardin des Plantes, wo das Gedicht "Der Panther" seinen Ursprung hat.

Am nächsten Morgen: Noch ein gemeinsames Frühstück, dann mache ich mich auf den Weg. Mein Zug geht diesmal vom Gare de l´Est ab. Als ich den Bahnhof betrete, empfangen mich Klavierklänge. Man hört, dass da ein Profi spielt. Ich setze mich in die Nähe, lausche eine Weile den Melodien und stimme mich auf den Abschied ein. Mit vielen schönen Bildern im Kopf reise ich ab.

Eine Sequenz aus Jean Rhys´ autobiografischem Roman "Quartett" fällt mir ein, als sich ihre Protagonistin Marya über den Balkon ihres Hotels lehnt und auf das Treiben unter ihr sieht: "Die Lichter, zu einem bleichen Mond aufblinzelnd, die geschminkten, schlanken Damen, die Flügel des Moulin Rouge, der Geruch von Benzin, Parfum und Essen. Die Place Blanche, Paris. Das Leben selbst. Man begriff so vieles. Den Wert einer Illusion, zum Beispiel, und dass der Schatten wichtiger sein kann als die Materie. All das und noch mehr."

A bientôt - Paris, ich komme wieder!