Das Günderodehaus bei Oberwesel

"Da kann man ein Paradies draus machen"

 

Das historische Städtchen Oberwesel mit seiner erhaltenen Stadtmauer gehörte einst zu den am häufigsten gemalten Orten des romantischen Mittelrheins. Oberhalb von Oberwesel  liegt am Ende der Straße ein verwunschenes Fachwerkhaus. Die idyllisch gelegene einstige Filmkulisse aus Edgar Reitz´ "Heimat 3" ist heute Museum, gastronomisch genutzte kulturelle Begegnungsstätte und ein Ort, in dem Träume und Sehnsüchte aufeinandertreffen.

"Es schien, dass sich ein Kreis geschlossen hatte. Ohne es zu wollen, war ich in die alte Heimat zurückgekehrt. Die Wunden von damals waren längst geheilt. Und ich musste mich fragen, ob es darauf nach den vielen Jahren überhaupt noch ankam." Nachzulesen sind diese Worte in dem von Edgar Reitz verfassten Buch "Heimat 3", das mehr ist als ein kommentierendes Drehbuch, wie der Filmemacher betont.

Kurz nach dem Mauerfall ist Hermann - das Alter Ego von Edgar Reitz - mit seiner Freundin Clarissa in dessen Heimat im Hunsrück zurückgekehrt, wo sie abseits des Großstadtbetriebes ein neues Zuhause finden. In diesem traumhaft gelegenen "kuscheligen" Häuschen soll sich einst die Dichterin Karoline von Günderode mit ihrem Geliebten getroffen haben. "Alle meine vrschütteten Sehnsüchte nach Liebe und Geborgenheit wurden geweckt", sagt Clarissa beim Anblick des 200 Jahre alten Hauses, in das sie sich sofort verliebt hat. Mit viel Enthusiasmus beginnt das Paar, das verfallene Fachwerkhaus zu restaurieren und zu einem Schmuckstück herzurichten.

Das Haus hat es nie wirklich gegeben, zwar  ist es ein original historisches Fachwerkhaus, jedoch wurde es nach Anweisung des Regisseurs für den "Heimat"-Film an diese Stelle transportiert. Jetzt steht es immer noch da und ist Besuchermagnet, literarische Stätte und kultureller Treffpunkt. In den wärmeren Monaten kann man hier lokale Köstlichkeiten genießen und dabei auf der Rheinblickterrasse weit ins Mittelrheintal schauen, das zum Weltkulturerbe gehört. Und man kann ein wenig nachdenken, über Hermann, die Günderode und die Vergangenheit.

Das Günderodehaus ist gut ausgeschildert. Wenn man die Serpentinenstraße durch die Weinberge überwunden hat, liegt es vor einem - ein "wahres Traumhaus ... hoch über dem Rhein ... umgeben von Rebstöcken und uralten Bäumen."

Die Dichterin Karoline von Günderode hat, im Gegensatz zu dem Haus, wirklich existiert. 1804 hat sie ihre ersten Gedichte unter dem Pseudonym "Tian" veröffentlicht. Sie war ein schönes, hochgebildetes, aber verarmtes Fräulein von Stand, das - weit ihrer Zeit voraus - an deren biederen Moralbegriffen verzweifelte. Mit ihrem philosophischen Blick auf die sie umgebende Enge und Eingeschränktheit fühlte sie sich uneins mit sich und der Welt. Nach ihrem frühen Tod war sie lange Zeit vergessen. Bis Christa Wolf die "Vorgängerin" aus ihrem Dornröschenschlaf hervorholte und ihr neues Leben einhauchte. Einmal in einer Essay- und Briefsammlung und einmal in der wunderbaren Erzählung "Kein Ort. Nirgends".

Karoline von Günderodes Freundin indes  - Bettina von Arnim, geborene Brentano - ist auch heute noch bekannt. Die Brentanos waren eng mit der Landschaft am Rhein verbunden, wo sie viele Spuren hinterlassen haben. Auf der gegenüberliegenden Seite - in Oestrich-Winkel  am Fuße des Rheingaus - hatte man eine Sommerredsidenz, das dortige Brentanohaus ist noch immer in Familienbesitz. Bettinas  Bruder Clemens, der Karoline ebenfalls kannte, hat sich mit seinen Rheinmärchen und zahlreichen Rheingedichten unsterblich gemacht. Auf ihn geht der Mythos der Loreley zurück, die mit ihren Sirenengesängen die Schiffer in den Tod lockte.

Karoline von Günderode nahm sich mit 26 Jahren in Winkel das Leben. Sie stieß sich einen Dolch ins Herz - die exakte Stelle hatte sie sich von einem Chirurgen zeigen lassen. Ein Bauer fand sie "am Rhein liegen unter den Weiden an einem Ort, wo es am tiesten ist." Sie trug ein rotes, aufgeschnürtes Kleid und hatte ein Handtuch voller Steine um den Hals gebunden. Den Schmerz um ihren frühen Tod hat Bettina in einem Briefroman über die Freundin verarbeitet.  Aber erst als sich Christa Wolf eingehender mit der Günderode beschäftigte, erfuhr sie eine Renaissance.  Christa Wolf  hat die Dichterin wahrgenommen als eine Philosophin, die an der Zerrissenheit der Zeit und den damit verbundenen Umständen zerbrach. "Wer aus dem Rahmen fällt, bezahlt mit dem Tod", schreibt Wolf.

Karoline war schön, sie war stolz. Und hochbegabt. Zurückgezogen, wie sie lebte, fühlte sie sich oft einsam. Eine unglückliche Liebe verband sie mit dem Philologen Friedrich Creuzer, der sich trotz großer Liebesschwüre nicht von seiner Ehefrau trennte. Was Karoline blieb, waren die Abenteuer der Seele. "Jeder soll neugierig sein auf sich selbst und sich zutage fördern", schrieb sie. Und: "Gedichte sind Balsam auf Unstillbares im Leben."  Oder auch: "Leben im Traum und doppelt leben."

Christa Wolf schreibt der "Vorgängerin" die Fähigkeit zu, fühlend zu denken. Was gleichzusetzen ist mit Authentizität. Diese wird erreicht, wenn man sich schreibend mit dem Leben auseinandersetzt. Doch die so gewonnenen Erkenntnisse müssen  für Karoline von Günderode ernüchternd gewesen sein. Und vollkommen unvereinbar mit der Wirklichkeit, wie sie sie vorfand: "Die Erde ist mir Heimat nicht geworden."

Wie symbolträchtig ist also dieses Haus! Nach einer langen Lebens- und Filmreise ist Edgar Reitz dahin zurückgekehrt, wo seine Wurzeln sind. Mit dem Günderodehaus hat er seinem Alter Ego Hermann ein Traumhaus gebaut und lässt uns teilhaben an seiner Utopie.  Wie schön, dass  dieses Günderodehaus nicht dem Abriss anheimfiel, wie es ursprünglich geplant war. Weil es uns eine Ahnung davon vermittelt, wie verflochten Vergangenheit und Gegenwart miteinander sind. Und wie man ein bisschen was von der unwiederbringlichen Zeit zurückzuholen kann.

Anmerkungen:
Es gibt keine einheitliche Schreibweise des Namens "Günderode" - die Familie selbst schrieb sich mit Doppel-r.

Die Zitate sind folgenden Büchern entnommen:
Bettina von Arnim: Die Günderode. Frankfurt, 1983 und "Bericht über den Selbstmord der Günderode", enthalten in: Gisela Dischner: Bettina. Berlin, 1977
Edgar Reitz: Heimat 3. Chronik einer Zeitenwende, München,  2004
Christa Wolf: Karoline von Günderrode: Der Schatten eines Traumes, Darmstadt und Neuwied, 1981

Das Günderodehaus ist eine Etappe des Rhein-Burgenwegs und des Linksrheinischen Jakobwegs