Auf Goethes Spuren in Wetzlar

An diesem strahlenden Sommertag im Juli 2017 treffe ich mich mit der Freundin in Wetzlar. Wir schlendern durch die Altstadt und wandeln auf Goethes Spuren, der hier in einem anderen Sommer, nämlich dem des Jahres 1772, ein Praktikum als junger Jurist am dortigen Reichskammergericht absolvierte. In diesem Ort, dem Schauplatz seines Briefromans "Die Leiden des jungen Werthers", lernte Goethe Charlotte Buff kennen - seine unerfüllte Liebe zu ihr sollte einen festen Platz in der Literaturgeschichte erhalten.

Von der Pfaffengasse kommend schreiten wir durch das barocke Tor in den Innenhof des ehemaligen Deutschordenshauses, dessen Verwalter Charlottes Vater, Heinrich Adam Buff, war. Mit der Zehntscheune und den Stallungen mutete das Gebäude im 18. Jahrhundert wie ein großer Gutshof an. In diesem Fachwerkhaus wohnte der Verwalter mit seinen Kindern. Als Goethe die 19jährige Lotte hier besuchte, war im Jahr zuvor ihre Mutter gestorben. Seitdem führte sie den Haushalt und versorgte ihre elf jüngeren Geschwister.

Das Lottehaus

Hier ist Geschichte noch immer hautnah zu spüren. Das Lottehaus auf der linken Seite des Gebäudekomplexes ist als Museum hergerichtet. Viele Fenster des langgegzogenen Fachwerkbaus zeigen zum gepflasterten Hof.  Bis zum heutigen Tage wurde es mehrfach renoviert, umgebaut und erweitert.

Der Deutschordenshof

Als wir die Stufen hinaufgehen - es sind die selben, die Goethe einstmals erklomm - tauchen wir ein in eine andere Zeit. Wir öffnen das schwere Holzportal, betreten einen schachbrettartig gefliesten Fußboden und sehen rechts die Küche mit dem Feuerplatz. Im Flur hängt das Bild mit der Szene, wie sie im Werther beschrieben ist: Lotte inmitten ihrer Geschwisterschar schneidet schwarzes Brot. "In dem Vorsaale wimmelten sechs Kinder, von elf zu zwei Jahren, um ein Mädchen von schöner mittlerer Größe, die ein simples weißes Kleid mit blassroten Schleifen an Arm und Brust anhatte."

Eine Standuhr erinnert an die stetig fortschreitende Zeit.

Wir gehen durch die Räume, sehen hinter Glasvitrinen Haare der jungen und der alten Charlotte. Eine Schneiderpuppe trägt ein blaues Kleid, wie es Lotte getragen haben könnte. Ehrfurchtsvoll betrachten wir die Erstausgabe des Werther,
1775 anonym in der Weygandschen Buchhandlung zu Leipzig herausgegeben. Da sein Vater gerade den "Götz von Berlichingen" finanziert hatte, wollte Goethe vorerst verheimlichen, dass wieder ein kostspieliges Buch von ihm verlegt wurde.

Handschriften, Parodien des Werther und Möbel aus der damaligen Zeit vermitteln ein authentisches Bild. Spielt es eine Rolle, ob Lotte jemals das Schreibpult benutzte, auf dem ausgestellten Klavier spielte, oder Kaffee aus dem Thüringer Porzellanservice trank? Hier in diesen Räumlichkeiten sind die Zeitschwingungen zu spüren für den, der Phantasie hat. Ich jedenfalls sehe die beiden hier wandeln auf knarzendem Parkett, Goethe, der Lotte schmachtend zuruft: "O der Engel! Um deinetwillen muß ich leben!" Und sie, wie sie ihn sanft in seine Schranken weist - sie war ja verlobt mit Johann Christian Kestner, den sie im Jahr nach Goethes Wetzlarer Aufenthalt heiratete.

Durch die Vorhänge dringt gedämpftes Sonnenlicht. Die Welt bleibt draußen. In diesen Räumlichkeiten sind wir allein mit der Museumsaufsicht, die uns ein wenig über Goethe und seine Zeit erzählt. Sie macht uns aufmerksam auf eine freigelegte Wandbemalung mit stilisierten Ranken und auf einen Anhänger, der besetzt ist mit winzigen blauen Vergissmeinnichtblüten.
Über das Treppenhaus erreichen wir das Obergeschoss. Alles ist aufwendig renoviert und heutigen Verhältnissen angepasst. Hier oben neben dem Staatszimmer befand sich der Überlieferung nach Lottes Schlafzimmer, nur durch eine Tapetentür getrennt. Diese Tür wird ebenfalls im Werther beschrieben.

Lange konnte Goethe seine Autorschaft nicht geheim halten, hatte er sich doch auf ein wahres Ereignis berufen, das im Oktober 1772 tatsächlich in Wetzlar stattgefunden hat und von dem ihm Lottes Mann berichtet: Ein junger Mann mit Namen Karl Wilhelm Jerusalem hatte sich wegen einer unglücklichen Liebe zu einer verheirateten Frau mit einer Reisepistole erschossen, die er von Kestner geborgt hatte.

Dieser Briefroman begründete Goethes Ruhm und wurde in viele Sprachen übersetzt. Das "Werther-Fieber" ging um die Welt. Zahllose Männer taten es Werther gleich, so dass sich Goethe bereits in der zweiten Auflage genötigt sah, vor dem Selbstmord zu warnen.

Das Jerusalemhaus

Nur ein paar Straßenzüge weiter am Schillerplatz befindet sich das Jerusalemhaus, die beiden Zimmer im Obergeschoss, die der unglückliche Student bewohnte, besuchen wir ebenfalls.

Wieviel Dichtung und wieviel Wahrheit beinhaltet der Werther? Spielt es eine Rolle, ob sich alles genauso zugetragen hat wie von Goethe beschrieben? Oder ob Lotte blaue Augen hatte statt der schwarzen, wie im Roman beschrieben? Diese Geschichte, auf Papier festgehalten und in unzähligen Ausgaben in der ganzen Welt bekannt, hat bis heute überdauert. Wirklichkeit wurde zur Dichtung - und dem Dichter ist es erlaubt, eine Geschichte nach seiner Phantasie zu formen.

Goethe hat Lotte nie nachgetragen, dass sie ihn nicht erhörte - und zu ihrer Familie pflegte er zeitlebens ein freundliches Verhältnis. Man sagt, Lotte habe es genossen, als Romangestalt in die Literatur eingegangen zu sein. Was Jahre später noch einmal der Fall war: Sie ist ebenfalls die Lotte in Thomas Manns Roman Lotte in Weimar. Auch dieser gründet auf einer wahren Begebenheit, nämlich der, dass Charlotte Kestner als 63jährige Witwe den Dichterfürsten in Weimar besuchte.

Beide hatten sich nach all den Jahren verändert. "Nur soviel", urteilte Lotte, "ich habe eine neue Bekanntschaft von einem alten Mann gemacht, welcher, wenn ich nicht wüsste, daß er Goethe wäre, und auch dennoch, hat er keinen angenehmen Eindruck auf mich gemacht." Ihre Tochter Clara war ebenfalls enttäuscht von dem steifen Geheimrat und seiner Phrasenhaftigkeit, die alle Welt für Lebensweisheit hielt. Goethes Seelenfreundin Charlotte von Stein schrieb über diese Begegnung: "Kürzlich hat ihn auch die Lotte aus Werthers Leiden besucht, Madame Kestner aus Hannover ... Sie ist von angenehmer Unterhaltung, aber freilich würde sich kein Werther mehr um sie erschießen."

Zu Hause nehme ich mir den Werther nochmals vor, suche bestimmte Stellen heraus und vergleiche sie mit dem, was ich in Wetzlar gesehen habe. Auf S. 13 lese ich: "Dass das Leben des Menschen nur ein Traum sei, ist manchem schon so vorgekommen, und auch mit mir zieht dieses Gefühl immer herum."

Trompe d´oeil in Wetzlar: Illusion verwebt mit Wirklichkeit