James Joyce in Pula und Triest

Von Dublin nach Pula

Unter Anglistik-Studenten galt die Beschäftigung mit dem irischen Dichter James Joyce durchaus als Herausforderung. Dennoch wagte ich mich zusammen mit einigen Kommilitonen an ein Seminar über Finnegans Wake. Joyce, der neben Virginia Woolf die literarische Erzähltechnik des "stream-of-consciousness" etablierte, machte mich sehr neugierig.
Das Buch hat 700 Seiten, jedoch während des halbjährigen Seminars konzentrierten wir uns hauptsächlich auf einige wenige Seiten im Buch. Es war von rätselhaften und apokryptischen Hinweisen auf Wäscherinnen am Liffey die Rede, dem Fluss, der durch Dublin fließt, und von einer schönen Frau namens Anna Livia Plurabelle. Viele Assoziationen und Gedankensprünge wurden durch das Fließen des Wassers auslöst - das vor allem ist mir im Gedächtnis geblieben. Und: Es war ein hochinteressantes Seminar, das in mir eine Ahnung weckte, was durch Sprache vermittelt werden kann.
Finnegans Wake habe ich nie ganz gelesen, ebenso nicht den Ulysses, der Joyces Weltruhm begründete. Dennoch fasziniert mich der Dichter heute noch und wann immer ich auf Informationen über ihn treffe, sauge ich sie begierig auf.
Umso glücklicher war ich, als ich bei Reisen in die Städte Pula und Triest auf seine Spuren stieß. Dies hat mich dazu veranlasst, die Brenda Maddox´ Biografie Nora zur Hand zu nehmen, die das Leben der Nora Joyce - Joyces Lebensgefährtin und spätere Frau - beschreibt. Darin finden sich viele Details, die Aufschluss geben auf sein Werk - denn wie fast alle Dichter hat er vieles aus seinem eigenen Leben in Sprache verwandelt. Allerdings habe ich durch weitere Recherchen festgestellt, dass nicht alle Angaben im Buch korrekt sind.


Geboren ist James Joyce 1882 in Dublin, einer Stadt, die ihn nicht mehr losließ, obwohl er die meiste Zeit seines Lebens auf dem europäischen Festland verbracht hat. Das erste Rendezvous mit seiner Lebensgefährtin Nora Barncacle fand vermutlich am 16. Juni 1904 statt - der Tag, an dem Ulysses beginnt - den die Iren heute als "Bloomsday" feiern und die Italiener als "Una Festa per Joyce".

Bereits kurze Zeit nach dem Kennenlernen, im Oktober 1904, setzte Joyce zusammen mit seiner Geliebten zum Festland über. Da war er zweiundzwanzig Jahre alt. Ein Rätsel für viele Literaturwissenschaftler ist, was die beiden zusammengehalten haben könnte, denn Nora konnte man nicht als Intellektuelle bezeichnen, zudem hatte sie kaum etwas für das gedruckte Wort übrig. Für Joyce jedoch war sie die Stütze seines Lebens. Und sie war alles andere als langweilig. Ihre scharfe Zunge ist legendär und einige wenige erhaltene Briefe von ihr zeigen, wie sehr ihn ihr Schreibstil beeinflusst haben muss.
Für ein paar Monate wurden die beiden in Pula auf der istrischen Halbinsel (heute Kroatien) heimisch, wo er eine Stelle an der dortigen Berlitz-School antrat. Als Dichter, der gegen die katholische Kirche rebellierte, war ein wenig stolz darauf, nicht verheiratet zu sein, obwohl dieser Fakt einige Hindernisse mit sich brachte. Insgesamt siebenundzwanzig Jahre lebten Nora und "Jim", wie sie ihn nannte, in "wilder Ehe", bevor Nora im Jahr 1931 Mrs. Joyce wurde - allerdings hat sie sich selbst von Anfang an so bezeichnet. Und wenn es Schwierigkeiten bei der Job- oder Wohnungssuche gab, behaupteten sie einfach, sie seien verheiratet.

Ihr erster eigener Haushalt in Pula war ein möbliertes Zimmer ohne Kochmöglichkeit. Joyce wurde für damalige Verhältnisse nicht schlecht bezahlt, musste nur wenige Stunden unterrichten und hatte reichlich Zeit zum Schreiben. Dort in dem möblierten Zimmer begann er an einer Sammlung von Erzählungen zu schreiben, die er später Dubliner nannte. Nora soll ihn gedrängt haben, sein Buch zu beenden und endlich berühmt zu werden.
Lange blieben sie nicht in dem möblierten Zimmer - ihr ganzes Leben sollte fortan geprägt sein von sehr vielen Umzügen. Nora und er waren starke Raucher, ausgesprochen gesellig und luden häufig Gäste ein.

Joyce hat Pula, das damals zur Österreichischen k. u. k. Monarchie gehörte, nicht sonderlich gemocht. In einem Brief nach Hause nannte er die Hafenstadt an der Adria "a naval Siberia", "a back-of-God-speed place", ein Ort, den er so schnell wie möglich verlassen wollte. Nun, das verübelt ihm heute keiner mehr, unser Reiseleiter, der uns an die interessanten Plätze der Stadt führte, wozu auch das fünftgrößte Amphitheater der Welt gehört, erzählte uns augenzwinkernd diese Anekdote.

Nahe dem römischen Triumphbogen auf dem Platz Portarata, am Cafè „Uliks“ kann man James Joyce heute noch begegnen: Dort sitzt er an einem Tisch mit Zigarette in der Hand. Hinter ihm an der Wand ist eine Gedenktafel angebracht. In diesem Gebäude unterrichtete Joyce einst Englisch.
Man ist schon ein bisschen stolz auf diesen berühmten Bewohner, der nur ein paar Monate in Pula weilte und schon bald nach Triest übersiedelte.

Triest

Wir kommen an einem diesigen Tag im April im italienischen Triest an, der Himmel ist verhangen, doch das mediterrane Flair ist unverkennbar und das Meer ist nah. Ein Buch, auf das ich aufmerksam werde, trägt den Titel "Triest. Eine literarische Hauptstadt in Mitteleuropa". Ich erfahre, dass seit 1997 in der "Stadt der Winde" der Krimikollege Veit Heinichen lebt und schreibt.
In der Nähe, auf Schloss Duino, das im Besitz der Adelsfamilie von Thurn und Taxis ist, schrieb Rainer Maria Rilke die Duineser Elegien - zu einer Zeit, als Joyce bereits einige Jahre in Triest lebte.

Beim Gang durch die Stadt, verweilen wir kurz auf dem Hauptplatz, der "Piazza Unità d´Italia" mit den vielen beeindruckenden Gebäuden, dem Brunnen in der Mitte und mit Blick auf den Golf von Triest. In unmittelbarer Nähe liegt die "Piazza Verdi" mit der Oper, wo Joyce oft zu Gast war - er liebte die Oper.



Ich stelle mir vor, wie der Ire James Joyce diese Stadt wahrgenommen haben könnte, als er im Oktober 1904 hierher an die Berlitz-School versetzt wurde. Er liebte die kosmopolitische Lebendigkeit der Stadt am Golf (die erst seit 1975 offiziell zu Italien gehört). Damals war Triest der wichtigste Seehafen Österreich-Ungarns.
Hier hatte Joyce zwar eine fruchtbare Schaffenszeit, aber große Schwierigkeiten, seine Bücher zu veröffentlichen. An der Berlitz-School lernte er den Dichter Italo Svevo (unter seinem bürgerlichen Namen Ettore Schmitz) kennen, der Englisch-Unterricht bei Joyce nahm. Zuvor hatte Svevo bereits zwei Bücher veröffentlicht, die jedoch kaum Beachtung fanden - Joyce indes erkannte sofort deren literarische Qualität und förderte ihn. Svevo gilt als eines der wesentlichen Modelle für die Figur des Leopold Blum im "Ulysses". Svevos Frau, Livia Veneziani mit ihrem roten wallenden Haar soll Joyce zu der rätselhaften Anna Livia Plurabelle aus "Finnegans Wake" inspiriert haben.
Auch in dieser Stadt ist man sehr stolz auf den berühmten Sohn. Überall findet man Spuren von ihm - auf an Hauswänden angebrachte Plaketten oder die lebensgroße Bronzestatue auf der Ponte Rosso am Canale Grande.

Foto: Andreas Pittler


Die Berlitz-School, wo Joyce unterrichtete, befand sich im ersten Stock eines Wohnhauses in der Via San Nicolò und bestand aus vier Räumen.
In den traditionellen Triestiner Cafés, von denen heute noch einige bestehen, spielte sich ein bedeutender Teil des intellektuellen Lebens der Stadt ab. Die Angestellten der Berlitz-School verkehrten vornehmlich im Cafè Stella Polare in der Via Sant´Antonio (heute Via Dante Alighieri).

In der "Osteria dell´Antico Trifono" am römischen Bogen, der aus dem 1. Jahrhundert stammt, trank er gern einen besonderen dalmatinischen Weißwein, worauf das heutige Restaurant "Arcorricardo" hinweist.


Joyce ging zeitlebens sehr verschwenderisch mit Geld um - obwohl er kaum etwas besaß - und er trank sehr viel. Einmal fand man ihn in einem Rinnstein der Altstadt. Sein Bruder Stanislaus, der bald zu der Familie nach Triest zog, entsetzte dessen unmäßige Trinkerei. Nicht selten brachte er Joyce völlig betrunken aus einer der Kneipen am Hafen auf dem Rücken nach Hause. Einmal erschien er sogar betrunken zum Unterricht.
Joyce war durchaus bewusst, was für eine Plage dies bedeutete: "Ich muss sagen, es ist für eine Frau schwer, mit jemandem wie mir fertigzuwerden, aber andererseits habe ich nicht die Absicht, mich zu ändern", bemerkte er einmal lakonisch.



Die Atmosphäre der Stadt mit ihrer besonderen Architektur und den eleganten Plätzen, die sich zum Meer hin öffnen, begeisterte ihn. Manche Literaturwissenschaftler meinen gar, er habe im Ulysses Triest und nicht Dublin ein Denkmal gesetzt. Er saß in Kaffeehäusern und in Spelunken, unterhielt sich gleichermaßen mit Arbeitern und Intellektuellen - auch die Freudenhäuser im Cavana-Viertel waren ihm nicht fremd.
Aber auch Kirchen interessierten ihn sehr, beispielsweise die griechisch-orthodoxe Kirche San Nicolò in der Nähe seiner Wohnung mit ihren Samtvorhängen und der düster-goldenen Aura, die er in die Dubliner Erzählungen einfließen ließ.

Nah am Hafen und der Oper, im zweiten Stock eines Wohnhauses in der engen, düsteren Via San Nicolò, lebten Nora und er von Mai 1905 bis Februar 1906. Hier kam Sohn Giorgio zur Welt und hier beendete er die Erstfassung der Dubliner. Er äußerte, über diesen Erzählungen läge ein besonderer Hauch des Verderbens. Sein Verleger jedoch erklärte, dass sich Bücher über Irland kaum verkauften. Schließlich weigerten sich die englischen Drucker, das Buch zu setzen, da es voller obszöner Anspielungen sei und Königin Victoria als "bloody old bitch" bezeichnet wurde. Nach diesem Misserfolg trank Joyce nur noch mehr. Das Buch wurde vorerst nicht veröffentlicht und der Ruhm ließ weiterhin auf sich warten. - Es sollte erst im Jahr 1914 erscheinen.

Im Sommer 1907 - nach einem vorübergehenden Aufenthalt in Rom - war Nora wieder schwanger und die Familie zog erneut in die Via San Nicolò, direkt gegenüber der Berlitz-School. Ihr unstetes Leben setzte sich fort, in der Folgezeit zogen die Joyces mehrmals um. Aus einer Wohnung in der Via della Barriera Vecchia (heute Via Alfredo Oriani) wurden sie kurzerhand vom Hauswirt vor die Tür gesetzt, weil man die Miete schuldig geblieben sei. Das Haus gehörte einer Apothekerfamilie, die beträchtliche Probleme mit dem finanziell stets klammen Sprachlehrer hatte, der damals noch nicht berühmt war. Die Apotheke gibt es noch heute. Eine Plakette am Haus weist auf die Schwierigkeiten hin, die die Vermieter mit Joyce und seiner Frau hatten.

In dem Gebäude befindet sich auch ein nobles Hotel - das 2009 eröffnete Hotel Victoria. Hier liegt in jedem Zimmer ein Bücherstapel mit Ausgaben der Dubliner, des Ulysses oder des Portrait eines Künstlers als junger Mann. Im gesamten Hotel hängen Gemälde antiker Monumente mit Zitaten aus Joyces Roman. Eine Luxussuite wurde nach dem irischen Dichter benannt.

Im September 1912 verbesserte sich Joyces finanzielle Situation: Er trat eine Stelle an der höheren Handelsschule an, wo ihm die Schüler nur so zuströmten. Endlich hatte die Familie einen höheren Lebensstandard erreicht. Man wohnte jetzt in der Via Donato Bramante in der Nähe der Piazza Vico und dem Schloss San Giusto, insgesamt drei Jahre lang. Seine Bücher wurden veröffentlicht und er war endlich als Autor anerkannt.
Dann brach der erste Weltkrieg aus. Triest verwandelte sich in ein Heerlager, auf den Piazzas wimmelte es von Soldaten, die die habsburgisch-kaiserliche Hymne sangen - was der italienfreundlichen Bevölkerung nicht gefiel. Joyce und seine Familie veranlasste dies, Triest zu verlassen und nach Zürich zu ziehen, allerdings mit der Absicht nach Triest zurückzukehren, was im Jahr 1919 erfolgte. Enttäuscht vom neuen Klima der Stadt, die nun unter italienischer Verwaltung stand, blieb er dort nicht einmal neun Monate. Seine letzte Adresse war in der Via della Sanità (heute Via Diaz). Dann zog die Familie um nach Paris, wo sie die folgenden zwanzig Jahre lebte. Joyce starb in Zürich im Jahr 1941.


Blick vom Monte Grisa aus hoch über Triest

Insgesamt hat Joyce fast sechzehn Jahre - mit einigen Unterbrechungen - in Triest verbracht.
Es gibt ein Joyce Museum, das sich in der Via Madonna del Mare befindet. Auch eine Straße hat man dem berühmten Bewohner der Stadt gewidmet.

Foto: Andreas Pittler
Die Via Joyce in Triest