Werkstattprotokoll

Das Leben, der Tod

Meiner Großmutter habe ich einiges zu verdanken. Sie schickte mich im Alter von 12 Jahren zu einem Schreibmaschinenkurs, der in unserer Dorfgaststätte angeboten wurde. Sie fand, gerade als Mädchen solle man heutzutage Maschinenschreiben können. Heutzutage, das waren die 60er Jahre, und der Beruf, den sie für mich im Sinn hatte, war der einer Sekretärin. Dass ihre Enkelin einmal Bücher schreiben würde – daran hatte sie im Traum nicht gedacht, ihr Denken zielte vielmehr darauf ab, dass das Beherrschen der Tastatur eine gute Voraussetzung für den Beruf eines Bürofräuleins darstellt.

Mein erster „Roman“ wurde nicht auf der Schreibmaschine geschrieben, sondern mit Kugelschreiber auf ausgemusterten rosa Formularen, die mein Vater von der Arbeit mit nach Hause brachte. Die Geschichte handelte von den Sommerferien einer Zwölfjährigen auf dem Land, die zusammen mit ihren Freunden in den heimischen Gefilden einiges erlebte. Die Hauptfigur war ein Mädchen, wie ich gern eins sein wollte: Mutig, stark, klug und sämtlichen Jungs überlegen – eine richtige Heldin eben.

Schreiben ist Fiktion. Im Gegensatz zum Roman können wir unser Leben nicht überarbeiten. Wir müssen es annehmen, wie es ist. Das Sprichwort „Jeder ist seines Glückes Schmied“ stimmt daher nur bedingt. Wir können manches bestimmen, aber in vielen Angelegenheiten sind wir von den Entscheidungen anderer abhängig.

In unseren Geschichten jedoch können wir in die unterschiedlichsten Rollen schlüpfen und uns die abstrusesten Abläufe zurechtspinnen, wir können Katastrophen meistern, wir können spielen und phantasieren. Wir können Helden oder Monster sein. Und wir können die Lösch-Taste betätigen, wenn wir unzufrieden mit dem Ergebnis sind.

„Nichts entsteht vollkommen neu. Immer greifen wir auf Vorhandenes zurück, das uns auf unerklärliche Weise gefesselt, fasziniert oder verstört hat. - Die Welt ist voll von Ideenkeimen. Ich erkenne sie an einer gewissen Erregung, die sie sofort mit sich bringen“, bemerkt Patricia Highsmith in ihrem Buch „Suspense oder Wie man einen Thriller schreibt“ über die Entstehung von Romanen. Das bedeutet nichts anderes, als dass man über das schreibt, was einen im besonderen Maße bewegt. Ich, die ich behütet in einer ländlichen Idylle aufgewachsen bin und mich als dem Leben zugewandt bezeichnen würde, beschäftige mich immer wieder begeistert mit Lebensläufen von Menschen mit psychischen Defekten, die in den Irrgärten ihrer Herzen und Seelen gefangen sind. Natürlich habe ich mich schon oft gefragt, weshalb gerade dieses Thema eine derartige Anziehungskraft auf mich ausübt – wenn ich eine eindeutige Antwort wüsste, bräuchte ich wahrscheinlich nicht darüber zu schreiben.

Die Frage, die mir am häufigsten gestellt wird, lautet: „Warum schreiben Sie Krimis?“ Nun, das Genre ist gefragt wie nie. Krimis bündeln den Zeitgeist in besonderer Weise, sie sind spannend, und sie ermöglichen eine unendliche Themenvielfalt. Das Spiel mit der Angst und dem Nervenkitzel eignet sich wunderbar zur Flucht aus dem Alltag. Ist das Buch zu Ende gelesen, dann ist der Fall geklärt und danach lässt es sich gut schlafen. Dies gibt uns das wunderbare Gefühl, die Welt sei beherrschbar und das Böse besiegbar.

Alle meine Geschichten – ob Krimi oder nicht – kreisen im weitesten Sinne um die Themen Liebe und Tod. Beziehungsgeflechte mit all ihren Höhen und Tiefen haben etwas Faszinierendes. Es macht mir Freude, zu erkunden, wie wir miteinander umgehen, wie wir Krisen aushalten, wie wir Probleme meistern, wie wir Rätsel lösen und wie wir uns dem Unverständlichen nähern.

In meinem ersten veröffentlichten Roman Mördergrube (1998) stelle ich eine psychisch kranke Frau einer jungen Frau gegenüber, die eher leicht durchs Leben geht. Aus diesem Gegensatz entwickelt sich eine gewisse Spannung. Im Krimi Apollofalter (2006) habe ich mich in die Welt eines pädophil veranlagten Mannes versetzt, der sich plötzlich mit einem jungen Mädchen konfrontiert sieht. Um herauszufinden, wie ein Mensch sich in solch einer Situation verhält, wie er denkt und fühlt und mit sich kämpft, bin ich tief in die Abgründe einer kranken Männerseele hinabgestiegen.

Nicht nur für Krimischriftsteller gilt: Menschen mit brüchigen Biographien sind interessanter als solche mit langweiligen, glatten Lebensläufen.

Man braucht keine Mörderin zu sein, um Krimis zu schreiben. Aber man muss sich hineinfühlen können in den Menschen, seine Nöte, seine Ängste, sein zwanghaftes Tun. Man muss unter Umständen das Unsägliche sagbar machen. Auch dann, wenn es peinlich wird. Auch dann, wenn man sich dafür schämen muss. Als Autor ist man während des Schreibens immer beherrscht von der Frage: Wie weit kann ich gehen? Wie weit darf ich gehen?

Ist das Buch erst einmal erschienen, muss ich auch Angriffe aushalten können und dafür gerade stehen, dass die von mir erdachten Menschen Ungeheuerliches denken und auch tun.

Wenn eine neue Geschichte entsteht, sind bei mir sämtliche Antennen zum Aufspüren von Verwertbarem ausgerichtet. Ich beobachte, orte und sammle alles, was ich „gebrauchen“ kann: In der Zeitung, im Fernsehen, in Büchern, in meiner unmittelbaren Umgebung, im Internet. Ständig werden dadurch Assoziationen in Gang gesetzt, Details werden aufgespürt, die genau zu dieser Geschichte passen. Oder sie werden ganz schnell wieder verworfen.

Recherche ist das A und O. Worüber ich schreibe, sollte authentisch sein und da ein Mensch unmöglich alles wissen kann, frage ich auch öfter bei kompetenten Fachleuten nach.

Schreiben ist ein Lernprozess und eine Entdeckungsreise. Schreiben setzt Selbstvertrauen voraus, Risikobereitschaft, Enthusiasmus und Neugier. Und nicht zuletzt Disziplin. Während des kreativen Prozesses mache ich mich ständig vertraut mit fremden Gedanken. Ich muss bereit sein, neue Wege zu erkunden. An jeder Weggabelung muss ich entscheiden, in welche Richtung es weitergeht. Manchmal muss ich von einer einmal eingeschlagenen Route wieder abweichen, weil der Weg ins Nichts führt. Ich muss den Mut haben, dunkle Winkel zu erforschen und mich nah an Abgründe wagen. Ich darf mich nicht davor fürchten, dem Fremden und Unbekannten zu begegnen. Auf dem Weg zum Ziel entdecke ich jedes Mal etliche neue Facetten der Wirklichkeit. Hat mich erst einmal der „Ideenkeim“ gepackt, dann ist Schreiben ein Abenteuer voller Überraschungen.

Wer schreibt, muss bestimmte Regeln beherrschen – nur wer Regeln beherrscht und sie durchschaut, kann sie auch bei Bedarf effektvoll brechen. Alle Phantasie nützt nichts ohne handwerkliches Know-how.

Inzwischen gibt es viele gute Bücher über das Schreiben als Handwerk. Etliche davon stehen in meinem Bücherschrank. Auch wenn ich nicht alle Ratschläge annehmen kann und will, so setzt deren Lektüre doch den Denkprozess in Kraft und zwingt mich, über die Gestaltung von Charakteren, Dramaturgie, Spannungsbögen, Klischees, Wortwahl und Stil nachzudenken.

Dass gleich beim ersten Versuch der vollendete Wurf gelingt, ist äußerst selten, um nicht zu sagen, unmöglich. Für mich ist ein gelungener Text immer das Ergebnis von sehr viel Arbeit. Zunächst kann es aber durchaus hilfreich sein, einfach drauf los zu schreiben, den Kritiker im Kopf für eine Weile auszuschalten und auch abwegige Gedankengänge zuzulassen. So führt eins zum anderen, Assoziationen werden freigesetzt, der Text wächst und Schauplatz und Personen werden immer vertrauter.

Der Anfang einer Geschichte ist wichtig und verlangt mir oft die meiste Überarbeitung ab. Wenn es mir als Autorin nicht gelingt, bereits auf den ersten Seiten den Leser zu „fangen“ und in mein erdachtes Universum hinein zu ziehen, habe ich schon verloren.

Ich möchte dem Leser suggerieren: Hier findest du, was du gesucht hast. Eine andere Lebenswelt, fernab von deinem Alltag. Eine besondere Geschichte voller Sehnsüchte und Leidenschaften, deren Ausgang du entgegenfieberst. Aber es ist nicht eigentlich der Ausgang, der dich interessiert, sondern der Weg dorthin, die vielen Umwege, die Stolpersteine, die die Spannung ausmachen.

Wir Schriftsteller taktieren und manipulieren mit trickreichen Wortspielen, um die Leser bei der Stange zu halten. Wir erfinden uns die Welt neu. Im Endeffekt erzählen wir als Wahrheit getarnte Lügen. Wir wissen: Was man aus der Wirklichkeit machen kann, ist wesentlich interessanter als die Wirklichkeit selbst. Und wir wissen: Gäbe es Thriller und Krimis nicht, wir wüssten wenig von den abartigen Abgründen mancher unserer Mitmenschen.

Die Grundfragen eines Krimiautors lauten immer: Wer hat wann wo was gemacht – und warum? Darüber hinaus ist es notwendig, sich und seinen Protagonisten viele weitere Fragen zu stellen. Und man tut gut daran, seine Antworten nicht allzu einfach zu gestalten.

Früher habe ich oft einfach drauf losgeschrieben, ohne den Schluss meiner Geschichte zu kennen. Nicht selten bin ich dabei auf halber Strecke stecken geblieben. Inzwischen bin ich der Überzeugung, dass man das Ende wissen muss, um gezielt darauf hin schreiben zu können. Das heißt allerdings nicht, den kompletten Verlauf der Geschichte in allen Einzelheiten zu kennen. Oftmals bin ich selbst überrascht, wohin der Weg führt, den ich so nicht angesteuert hatte. Das ist das spannende am kreativen Prozess. Aber mit dem Ende im Blick kann ich Details  in den Text einbauen und Widerhaken auswerfen, die irritieren, Fragen aufwerfen und neugierig machen, Hinweise, die den inneren Zusammenhang meiner Geschichte ausmachen.

Thema und Subthema spiegeln sich in unterschiedlichen Varianten. Schwarz-Weiß-Malerei vermeide ich. Menschen sind fehlbar. Das macht sie menschlich. Also sind auch meine Charaktere fehlbar. Auch wenn sie Schwächen haben, taugen einige von ihnen als Identifikationsfiguren, weil wir nun mal nicht perfekt sind.

Ich möchte, dass sich das Leben mit all seinen Möglichkeiten in meinen Geschichten widerspiegelt: Wie wir Beziehungen knüpfen, wie wir Freundschaften schließen, wie wir Frustrationen ertragen und Enttäuschungen hinnehmen, und nicht zuletzt, wie wir Freude, Lust und Glück empfinden.

Ein Verbrechen steht stets am Endpunkt einer besonderen Entwicklungskette, die aus Ursache und Wirkung besteht. Wie ist es dazu gekommen? Welche Ereignisse führen dahin? Was ist da an Verwundungen, Frustrationen, Traumata voraus gegangen? Wie geht das Umfeld damit um? Das sind Fragen, mit denen ich mich in meinen Romanen und Kurzgeschichten konfrontiert sehe. Um diese Fragen geschickt zu platzieren, muss ich ein Gefühl für das richtige Timing haben und dafür sorgen, dass sich das Geschehen schleichend entwickelt. Gezielt gesetzte Wendepunkte wiederum erhöhen die Spannung. Erwartungshaltungen versuche ich zu durchbrechen und so einen Überraschungseffekt zu erzielen. Was einen Text besonders macht, ist sein eigener Stil, seine eigene Sprachmelodie, der besondere Umgang mit Worten. Details, die die Sinne ansprechen, machen einen Text lebendig. Aber das Wichtigste sind glaubwürdig angelegte, komplexe Figuren.

Wie entwickelt sich eine Persönlichkeit weiter? Indem sie mit Konflikten konfrontiert wird. Konflikte fordern Lösungen, man will wissen, wie sich diese Figur entscheidet und warum, welche Kämpfe sie austrägt und welche Kräfte sie antreiben.

Konflikte entstehen, wenn die Wünsche der Figuren auf Widerstand stoßen und sie zwingt, eine Entscheidung zu treffen. Wie eine Figur handelt, sagt viel mehr über ihr Wesen aus als die Worte, die sie spricht.

Wenn meine Romane Bilder wären, würde ich sie mir als handgeknüpfte, Fischernetze vorstellen: Engmaschige Gewebe aus verschiedenfarbigen Fäden, die netzförmig miteinander verwoben sind, an manchen Stellen brüchig, an manchen unzerreißbar – und vielfach geflickt. So wie menschliche Beziehungen.

Schreiben kann Vergnügen sein, aber manchmal ist es eine regelrechte Tortur. Da sind die Stunden, in denen man brütet, entwirft und sofort wieder verwirft – oder aus einer unerklärlichen Angst heraus erst gar nicht den Computer anstellt. Aber das sind Phasen, man weiß: das geht vorbei, wie eine Krankheit vorbeigeht. Danach ist man wieder gestärkt und geht ans Werk. Dann fühlt man wieder, welche Freude es ist, sich für ein paar Stunden aus der realen Welt auszuklinken und in die Parallelwelt einzutauchen, in der wir allein die Fäden ziehen.

„Schreiben ist wie eine Jagd. Da gibt es bitter kalte Nachmittage und nichts ist in Sicht, nur der Wind und dein brechendes Herz. Dann der Moment, in dem du etwas Großes zur Strecke bringst. Das ist stärker als ein Rausch.“ So die amerikanische Autorin Kate Braverman.

Ist die Geschichte einmal aufgeschrieben, heißt das noch lange nicht, dass sie fertig ist. Sie wird vielfach überarbeitet. Das bedeutet: Immer wieder denselben Text lesen, Ausdrücke und Wortwahl überprüfen und gegebenenfalls ersetzen. Manchmal besteht das Überarbeiten aus dem Austausch von einzelnen Worten, manchmal werden neuen Sequenzen eingefügt, andere, pointiertere Dialoge werden ausgearbeitet oder ganze Kapitel umgeschrieben. Mit der Zeit bekommt man einen Sinn dafür, was wichtig ist und was getrost weggelassen werden kann. Wenn mich das Überarbeiten dazu zwingt, liebgewonne Sequenzen wieder zu streichen, weil sie einfach nicht mehr passen, dann tut das besonders weh. „Kill your darlings“ - das ist oberstes Gebot eines Autors, der über sich hinauswachsen will.

Nichts entsteht in einem luftleeren Raum, und es ist nicht nur unsere eigene Lebensgeschichte, die uns prägt, sondern auch die Bücher, die wir gelesen haben. Bücher sind mir eine ständige Inspirationsquelle. Über das Wesen des Menschen habe ich mehr in Büchern erfahren als im wirklichen Leben. In Büchern findet man immer ein Stück der eigenen Innenwelt wieder.

Das Schreiben von Krimis hat mir verdeutlicht, dass es das Gute ohne das Böse nicht geben kann. Die Reibung an dem als „böse“ empfundenen Andersartigen ist notwendig, um das Gute zu erkennen. Zum Menschsein gehört das Böse dazu. Das ist die Dichotomie unseres Lebens. Der Himmel ist nicht denkbar ohne die Hölle. Das Leben nicht möglich ohne den Tod. Es sind zwei Seiten ein- und derselben Medaille.

Im Dazwischen sind meine Geschichten angesiedelt, in denen Wahres, Erfundenes, Erlebtes, Beobachtetes und auch Widersprüchliches ein Konglomerat ergibt, das auch Auskunft über seine Erfinderin erteilt.

Das Leben ist spannend, unterhaltsam, trivial, lustig und aufregend.

Es steckt voller Geheimnisse, die es zu entschlüsseln gilt. Die Wahrheit hat nie nur ein Gesicht, sondern viele Facetten.

Alles wird irgendwann zu Erinnerung. Alles ist vergänglich und das, dem wir heute so viel Aufmerksamkeit widmen, wird bald schon wieder überholt sein. Das Erhabene und der Abgrund liegen eng beieinander. – Auch dies erfahren wir im Laufe unseres Lebens.

Beim Wiederlesen meiner Romane wird mir jedes Mal bewusst, wie mein eigenes Leben – meine eigenen Empfindungen und die von Menschen aus meinem nahen Umfeld sich in die Texte eingeschlichen haben – verteilt auf die unterschiedlichsten Figuren. Meine Vergangenheit ist der Steinbruch, aus dem meine Geschichten entstehen.