Bekenntnisse

Über das Leben und das Schreiben

Kindheit

 

Wie sind wir geworden, wie wir sind? Diese Frage treibt wohl jeden Schriftsteller um.
Die Kindheit gilt als Schlüssel zum Leben. Es ist die Zeit, die einen am nachhaltigsten prägt, in der man die elementaren Dinge des Lebens verinnerlicht. In die Gegenwart drängt sich die Erinnerung an alles Vergangene.

Heimat

Heimat bedeutet emotionale Verankerung und ist somit - laut Stefan Zweig - mehr als ein Fleck umgrenzter Erde.

Der Sonnenhof - Mikrokosmos meiner Kindheit - liegt etwas abseits vom Dorf Katzweiler in der Westpfalz. Drei Häuser gehörten damals dazu. Eines davon war mein Elternhaus. Das Murmeln des Bachs hinterm Haus, das Krähen des Hahns am Morgen, das Gackern der Hühner, das Miauen der Katzen und das langgezogene Muuuh von Rosa, der Kuh – vertraute Geräusche, die mich ebenso durch meine Kindheit hindurch begleiteten wie der Duft von frischgemähtem Gras im Sommer, Kartoffelfeuer im Herbst, oder die Winter, wenn feuchte Wollsachen, die beim Schlittenfahren in der Eselsdell nass geworden waren, auf den Holzstangen über dem Herd zum Trocknen aufgehängt wurden. Wie wohlig war es, wenn ich die steif gefrorenen Füße zum Aufwärmen in den Backofen stecken durfte. Im Frühling schließlich strömte der schwere Duft von Hyazinthen und Narzissen zum Küchenfenster herein, ein Zeichen, dass alles wieder zu neuem Leben erwachte ...

Inzwischen ist mir die Stadt Andernach zur Wahlheimat geworden.

Schreiben und Leben

So lange ich Buchstaben aneinander reihen kann, schreibe ich. Mein Vater arbeitete bei einer Krankenkasse. Paketweise brachte er veraltete Formulare mit nach Hause, deren leere Rückseiten meine Brüder und ich zum Malen und Schreiben benutzten. Mein erster "Roman" entstand auf ausgemustertem rosa Formularpapier. Ich beschrieb die idyllischen Sommerferien einer Zwölfjährigen auf dem Land, so wie ich diese Zeit erlebt hatte, jedoch angereichert mit allerlei Phantasie. Die Heldin war ein Mädchen, wie ich eins sein wollte: Mutig, stark, klug ...

Schreiben bedeutet Reisen in ein phantastisches Land. Und der Raum der Phantasie ist grenzenlos.
Die Stoffe, die wir wählen, haben immer ein bisschen mit uns selbst zu tun, aber sie folgen einer anderen Wahrheit. Und einer bestimmten Dramaturgie, die uns das Leben vorenthält.

Beruflicher Werdegang

Nach der Grundschule hatte ich die Wahl: Gymnasium in der Stadt oder Hauptschule in unserem Dorf. Ich entschied mich dafür, zu bleiben, wo ich war. Weil es vertraut war. Vielleicht auch, weil ich ein wenig Angst hatte vor dem Neuen und Unbekannten.
Nach dem Hauptschulabschluss, mit 14 Jahren, kam die unvermeidliche Veränderung: Täglich musste ich eine halbe Stunde zum Bahnhof laufen und mit dem Zug in die Stadt fahren. Die Stadt, das war Kaiserslautern. Dort erlernte ich den Beruf der Apothekenhelferin.
Nach ein paar Jahren Arbeitsleben habe ich erkannt, dass dies nicht die Beschäftigung war, mit der ich den Rest meines Lebens verbringen wollte.
In Marburg an der Lahn, wo ich in den 70er Jahren lebte, ging ich zum Abendgymnasium für Berufstätige. Nach vier Jahren hatte ich das Abitur in der Tasche - danach begann ich ein Literaturstudium in Heidelberg, das ich in Marburg abschloss.
Dazwischen und danach folgten Lehr- und Wanderjahre im In- und Ausland, bis ich mich schließlich in Andernach niederließ.

Das Selbst als literarisches Sujet

»Es war einmal ein Mädchen mit großen grünen Augen und schwarzem Haar. Sie wuchs auf im fernen Amerika in einem wunderschönen vierstöckigen Haus mit vielen großen Fenstern, die auf eine weitläufige Wiese hinausschauten. Das Kind hieß Anne Harvey und liebte Märchen über alles ... Das Mädchen bettelte verzweifelt um Aufmerksamkeit, hüpfte von Zimmer zu Zimmer und irritierte Eltern und Geschwister mit seiner Unrast. Ständig dachte es sich dramatische Szenen aus und spielte darin die Hauptrolle ...«
Aus: „Blut im Schuh“ Über die Lyrikerin Anne Sexton. Erschienen in: „Schreiben. Halbjahresschrift für Frauenliteratur“, 1984


 
Meine Magisterarbeit schrieb ich über die amerikanische Lyrikerin Anne Sexton (1928-1974), die als eine der prominentesten und einflussreichsten Lyrikerinnen ihrer Zeit gilt und zur Schule der „Confessional Poetry“ gehört.

Während der Studienzeit schrieb ich immer wieder Artikel, die sich mit Literatur oder Autoren und Autorinnen befassten. Später kamen Buchrezensionen und Besprechungen von Kulturereignissen hinzu.

Bücher


»Denn ich, ohne Bücher, bin nicht ich.«
Christa Wolf

Erfundene Geschichten versetzen uns in andere Welten. Gute Bücher enthalten keine Handlungsanweisungen, sondern Mittel, um das eigene ethische Fundament zu überprüfen. Und sie unternehmen den Versuch, die Welt mit sprachlichen Mitteln zu enttarnen. Doch manchmal wollen wir uns auch nur Illusionen hingeben. Auch dafür sind Bücher da.

In meiner Kindheit konnte man sich im Dorf-Gemeindehaus Bücher ausleihen. Davon machte ich reichlich Gebrauch. Langsam, aber stetig wuchs schließlich auch meine eigene Bibliothek. Lieblingsautoren wechseln. Lieblingsbücher auch.
Ein Buch, das mich immer begleiten wird und das bereits ziemlich zerfleddert ist, weil ich es immer wieder zur Hand nehme, ist "Kein Ort. Nirgends"

 

Eine schmale, außerordentlich gehaltvolle Erzählung. Eine Wunschtraumgeschichte mit historischem Hintergrund. Christa Wolf inszeniert darin die Begegnung zweier einsamer Menschen mit großer Begabung. Beide Dichter führen ein Traumgespräch auf Augenhöhe. Ort der Zusammenkunft ist das Haus der Brentanos in Östrich-Winkel am Rhein. Es gibt ihn und es gibt ihn nicht, diesen gleichsam romantischen Ort, in dem man noch heute Geschichte atmen kann.

Ich habe die Stelle aufgesucht, wo sich Karoline von Günderrode in den Rhein stürzte, nachdem sie sich, um ganz sicher zu gehen, ein Messer ins Herz gerammt hat. Dort fließt der Rhein, als gäbe es keine Vergangenheit, als ließe sich nichts festhalten.

Tod


Unmittelbar vor dem Tod erkenne jeder Mensch, dass die Wirklichkeit größer ist als alles Erfahrbare, heißt es, und der Blick richte sich auf das Jenseits.
Friedhöfe faszinieren mich seit jeher. Bei Spaziergängen über letzte menschliche Ruhestätten stelle ich mir vor, was die Toten dort in ihren Grüften für ein Leben hatten ... Der schönste Friedhof, den ich kenne, ist der Père Lachaise in Paris. Ein weitläufiger Park, eine Totenstadt, wo Oscar Wilde, Colette, Frédéric Chopin, Honorè de Balzac, Gertrude Stein, das Dichterpaar Claire und Yvan Goll und viele andere Berühmtheiten begraben sind, deren Gräber zu Wallfahrtsstätten wurden. So auch die Gruft des tragischen Liebespaars Abaelard und Heloise aus dem Mittelalter, deren bittersüße histoire d´amour auf ihrem Grab nachzulesen ist.

»Das Leben ist ein Buch, dessen Seiten man nicht zurückblättern kann, so sehr man sich dies auch wünscht. Die letzte Seite das Ende. La Mort.«

Eine goldene Inschrift auf einer Bibel aus Porzellan auf dem Pariser Père Lachaise.

Der Ort, an dem einem der Tod am Sichtbarsten vor Augen geführt wird, sind die Katakomben von Paris. Unterirdisch in unübersichtlichen Labyrinthen lagern in diesen uralten, ehemaligen Steinbrüchen abertausende von menschlichen Knochen und Schädeln, die zu bizarren Mustern aufeinandergeschichtet sind.

 

Vielleicht ist das Schreiben von Kriminalromanen eine Möglichkeit, dem Tod zu trotzen, weil er durch sein stetiges Heraufbeschwören seinen Schrecken verliert ...
 
Glück und Unglück

Glück, das ist ein kostbarer Moment, der schon vergangen ist, ehe man ihn so recht wahrgenommen hat. Es kann Glück sein, eine bestimmte Melodie zu hören, die mich an ein früheres Ereignis erinnert oder etwas tief in meinem Inneren berührt.
Auf Reisen gibt es viele Glücksmomente. Besonders zusammen mit Menschen, die ich mag.

  André Hellers Garten in Gardone

Und manchmal ist es Glück, in einer Hotelbar zu sitzen, an einem exotischen Drink zu nippen und dem Barpianisten zuzuhören, wie er „As time goes by“ spielt ...

Das Unglück wage ich nicht, mir in allen Einzelheiten vorzustellen. Dazu habe ich mein Romanpersonal. Die dürfen schon mal "vorkosten".
 
Leitgedanken

"Möglicherweise will das Leben wie eine chiffrierte Botschaft entziffert werden."
André Breton

"Die Vergangenheit ist ein Teil von uns selbst, vielleicht der wesentlichste Teil. Was ist ein Baum ohne Wurzeln? Was ist ein Fluss ohne seine Quelle?"
Victor Hugo

"Alles, was uns begegnet, lässt Spuren zurück, alles trägt unmerklich zu unserer Bildung bei."
Johann Wolfgang von Goethe

"Hold fast to dreams
for if dreams die
life is a broken winged bird
that cannot fly."
Langston Hughes

"Life is a mystery, not a problem to be solved"
- ein Spruch, der auf einer Kaffeetasse stand, die längst zerbrochen ist ...