Lübeck

Lübeck ist nur eine knappe Stunde von Hamburg entfernt, sagt die Freundin. Ich war noch nie dort, doch Bilder der Stadt sind sofort abrufbar: Das Holstentor, Marzipan, die Buddenbrooks. Es ist entschieden: Wir fahren mit dem Zug nach Lübeck.

Die Hansestadt an der Trave  ist recht überschaubar. Die Altstadt­ befindet sich auf einer von der Trave umflossenen Insel. Durch das Holstentor gelangt man zwangsläufig, wenn man in die Innenstadt will. Wir erhaschen einen Blick auf maritimes Flair mit Segelbooten. Nach Travemünde ist es nicht weit. - Das Seebad, das Thomas Mann liebevoll beschrieben hat, ist heute ein Stadtteil von Lübeck. Er nannte es das „Ferienparadies, wo ich die unzweifelhaft glücklichsten Tage meines Lebens verbracht habe“.

Vorbei geht es am Maktplatz und an dem markanten roten Backsteinbau der Kirche St. Marien - und schon stehen wir vor  dem Buddenbrookhaus in der Mengstraße.

Das Buddenbrookhaus: Eine der berühmtesten Adressen der Weltliteratur

Geboren wurde Thomas Mann in der Breite Straße. Aufgewachsen ist er zusammen mit seinem Bruder Heinrich in diesem Patrizierhaus, bevor die Familie in das Stadtpalais in der Beckergrube umzog - ein ebenso stattliches Gebäude, das jedoch in der Bombennacht im März 1942 vollkommen zerstört wurde.

Heinrich Mann ist nicht ganz so bekannt wie sein jüngerer Bruder, dafür klarer in seiner politischen Haltung. Heinrich Manns Roman "Der Untertan" habe ich seinerzeit im Deutschunterricht gelesen, ein Roman, der bis heute nichts an Aktualität verloren hat. Darin beschreibt er das Prinzip "nach unten treten, nach oben buckeln". Der Film "Der blaue Engel" (nach seinem Roman "Professor Unrat") mit Marlene Dietrich als fesche Lola ist zur Legende geworden.

An ihre Schulzeit haben weder Heinrich noch Thomas Mann die besten Erinnerungen. Anekdoten aus ihrer wenig glücklichen Schulzeit verewigten beide in ihren Werken.  Wobei Heinrich der rebellischere Geist war - was öfter zu Zwistigkeiten führte.

Im Jahr 1906 schrieb Thomas dem Bruder: „Du, (Heinrich), nennst mich gewiss einen feigen Bürger. Aber Du hast leicht reden. Du bist absolut. Ich dagegen habe geruht, mir eine Verfassung zu geben.“

Vom eigentlichen Buddenbrookhaus, das während eines Luftangriffs im Krieg schwer beschädigt wurde, ist nur die Fassade übriggeblieben, alles andere wurde restauriert. - Ein Gebäude, das sich den Zeitläuften angepasst hat. In Lübeck liegen gestern und heute eng beieinander. Zum Zeitpunkt unseres Besuches ist es wegen größerer Renovierungsarbeiten geschlossen.  

Über dem Portal ist die Jahreszahl 1785 angebracht, dazu die Inschrift »Dominus providebit« (Der Herr wird vorsorgen)

Der Werdegang über vier Generationen der Kaufmannsfamilie Buddenbrook gleicht in vielen Einzelheiten der Geschichte der Familie Mann. 1901 ist der Roman erschienen (Untertitel: "Der Verfall einer Familie") - da war Thomas Mann gerade 26 Jahre alt und lebte schon längst nicht mehr in Lübeck. Das Haus und die Geschehnisse dort hat er aus seiner Erinnerung heraus beschrieben - nach gründlicher Recherche und doch mit einer guten Portion Phantasie. Das Erscheinen des Romans erregte in seiner Heimatstadt heftigen Unmut - man sah in ihm einen "Nestbeschmutzer". Ungeachtet dessen erhielt er 1929 für das Werk den Literaturnobelpreis. Thomas Manns Verhältnis zu seiner Heimatstadt war bekanntlich nicht frei von Spannungen. Seine Enttäuschung über die empfundene fehlende Anerkennung durch die Stadtoberen hat er mehrfach thematisiert. Erst 1955 - kurz vor seinem Tod - ernannten die Lübecker ihren berühmten Sohn zum Ehrenbürger.

Unten im Foyer war das Kontor, das Großvater und Vater Mann führten. Die wohlhabende Familie lebte in der Beletage im ersten Obergeschoss.

Von den Fenstern der Wohnung blickte man auf die Türme von  St. Marien. Auch diese Kirche, in der Thomas getauft und konfirmiert wurde, blieb im Krieg nicht verschont. Damals verbrannte auch der weltberühmte "Totentanz" des Malers und Holzschnitzers Bernt Notke. Für den Wiederaufbau der Kirche hat der Nobelpreisträger einen beträchtlichen Teil seiner Honorare gespendet.

Die zerborstenen Glocken in St. Marien werden als dauerndes Mahnmal in der Kirche aufbewahrt. Es gibt ein Foto aus dem Jahr 1955, auf dem Thomas Mann mit bewegter Miene auf die zerschellten Glocken schaut.

Vor dem Buddenbrookhaus entdecken wir einen Stolperstein - zum Gedenken an Erich Mühsam. Der jüdische Schriftsteller, der ebenfalls in Lübeck aufwuchs, wurde im Konzentrationslager Oranienburg ermordet.

Auch er ist mit der Hansestadt eng verbunden: Günter Grass

Ein paar Straßen weiter steht das Günter Grass-Haus. Auch er ein Nobelpreisträger, auch er eng mit der Stadt Lübeck verbunden. Mit seinem  1959 erschienenen Roman "Die Blechtrommel" wurde er über Nacht weltberühmt.  Der Roman, der das prüde Nachkriegsdeutschland ordentlich durcheinanderwirbelte,  spaltete die Nation und wurde mit Attributen wie "blasphemisch" und "jugendgefährdend" belegt. Man wollte es gar auf dem Index sehen.

Das Buch gehört zu den meistgelesenen Romanen der deutschen Nachkriegsliteratur und ist zugleich historischer Roman, Zeitroman und Schelmenroman. Grass hat darin gegen eine Gesellschaft thematisiert, die sich lange Zeit gegen die Aufarbeitung ihrer NS-Vergangenheit sträubte. Gegen dieses Verdrängen schrieb Günter Grass an, gegen das Verschweigen ließ er den kleinen Oskar trommeln.

Die Geschichte um den kleinen Oskar Mazerath, der nicht mehr wachsen wollte, wurde im Jahr 1979 von Volker Schlöndorff verfilmt und erhielt als einer der wenigen deutschen Filme einen Oscar. Im Jahr 1999 wurde Grass mit dem Nobelpreis geehrt.  

Von 1986 bis zu seinem Tod lebte er in der Nähe der Hansestadt, sein Sekretariat und sein Archiv befand sich seit den 1990er Jahren im Gebäude der Glockengießerstraße, dem heutigen Günter Grass-Haus.  "Willkommen in der Welt von Günter Grass" heißt es im Eingangsbereich des Hauses in der Glockengießerstraße .

Neben Infotafeln sind hier Fotos aus seiner Kindheit und Jugend zu sehen.  Er war nicht nur Schriftsteller, sondern auch Grafiker, Maler und Bildhauer. Als überzeugter Sozialdemokrat war er auch politisch aktiv. Die Auswüchse des Nationalsozialismus hat er nur allzu treffend charakterisiert. "Die Blechtrommel" gilt als Schlüsseltext der deutschen Vergangenheitsbewältigung.

Umso unverständlicher ist, dass Grass erst in seinen letzten Lebensjahren bekannte, dass er als 17jähriger der Waffen-SS angehörte. Warum er dies so lange Zeit verschwiegen hat - darüber gibt es keine rechte Antwort. "Eine zeitgeschichtliche Pointe" nannte Frank Schirrmacher, Herausgeber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung dieses späte Geständnis, das der Nobelpreisträger als fast 80jähriger offenbarte.

Der Publizist Michel Friedmann hat dazu dies geäußert: "Wieviel ist noch nicht aus dem Giftschrank bekannt geworden? ... Für mich ist Günter Grass das eigentliche Beispiel. Eine lebenslange Verdrängung bis kurz vor seinem Tode, wo er sich selbst outen möchte, damit ihn nicht andere outen. In der Hoffnung, dass man es ihm jetzt nicht so übel nehme wie vor 30 Jahren." (Zeit Magazin, 25.8.22)

Der Innenhof des Museums ist als Skulpturengarten konzipiert. Hier sind Bildhauerarbeiten von Grass ausgestellt. In den Ausstellungsräumen sind auch Original-Manuskripte zu sehen. Liebevoll eingerichtet wurde der Kolonialwarenladen von Vater Mazerath mit Mehl- und Zuckersäcken, alter Bizerba-Waage und schwarzem Bakelittelefon.

Günter Grass starb am 13. April 2015 im Alter von 87 Jahren in einem Lübecker Krankenhaus an den Folgen einer Infektion.

„Das immerhin leistet die Literatur: Sie schaut nicht weg, sie vergisst nicht, sie bricht das Schweigen“, hat er einmal geäußert.