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Irlands zerklüfteter Westen - 2 -

Auf den Spuren von Heinrich Bölls Irland

 

Während meiner Irland-Reise schrieb ich kein irisches Tagebuch - stattdessen lediglich Notizen. Faltblätter und Fotos brachte ich mit nach Hause und viele Bilder im Kopf. Meine Eindrücke verglich ich mit Heinrich Bölls "Irischem Tagebuch", das im Jahr 1957 erstmals  über das Sehnsuchtsland des Nobelpreisträgers veröffentlicht wurde. Später wurde es von seinem Sohn René um Materialien und Fotos erweitert und neu herausgegeben (2007)

Achill Island - die Sehnsuchtsinsel Heinrich Böllls

Zum ersten Mal besuchte Böll Achill Island in den 50er Jahren. Auf Irlands größter Insel finden sich - laut Landkarte - die höchsten Klippen Europas. Mit seiner Familie verbrachte er hier in fast jedem Jahr die Sommermonate.  Bevorzugte Orte waren Keel und Dugort. Aber er fuhr auch oft allein dorthin, wo er zwischen Moor und Meer ungestört arbeiten konnte.

Seine Eindrücke hielt er im "Irischen Tagebuch" fest, das erstmals 1957 erschien und ein Riesenerfolg wurde. Eine spätere Zeitungsserie über die grüne Insel sollte den "Mayo-Geruch" der armen Leute aus seinen Impressionen entfernen und "Irland Gerechtigkeit" antun.

Die Straße führt am Rande zerklüfteter Felsen entlang, vorbei an wilden grünen Hügeln. Immer wieder müssen wir anhalten, weil freilaufende zottelige Schafe unseren Weg kreuzen.  Im Himmel treiben Wolken. Hinter einer verknöcherten Fuchsienhecke, an der blutrote Blüten hängen, sichten wir schließlich das "Heinrich Böll Cottage".

Das war sein Refugium. 1983 war er zum letzten Mal dort. Seit 1992 wird es als Gästehaus für internationale und irische Künstler genutzt. Man solle an diesem privaten Ort die Ruhe der Künstler respektieren, steht - auf deutsch und englisch - auf dem Eingangsschild. So bleibt uns nur der Blick auf das Cottage und das dahinterliegende Meer, um uns in Bölls damaliges Universum hineinzuversetzen - "eine Utopie, die sich von gewöhnlichen Wunschträumen aber dadurch unterschied, dass sie Wirklichkeit war", wie Alfred Andersch schrieb.

Das verlassen Dorf Slievemore

Unweit des Böll-Hauses findet sich das verlassene Dorf Slievemore, das der Schriftsteller so treffend beschrieben hat als das „Skelett einer menschlichen Siedlung“. Das Dorf, das während der Hungersnöte vor 150 Jahren aufgegeben wurde, liegt ganz in sich zusammengesunken da, eingebettet in moosige Schafweide.

Slievemore ist nur eines von vielen verlassenen Dörfern in Irland: "graue Steinmauern, dunkle Fensterhöhlen , kein Stück Holz, kein Fetzen Stoff, nichts Farbiges, wie ein Körper ohne Haare, ohne Augen, ohne Fleisch und Blut ... Alles, was nicht Stein war, weggenagt von Regen, Sonne und Wind - und von der Zeit, die geduldig über alles hinträufelt", heißt es im "Irischen Tagebuch".

Friedhöfe, überall Friedhöfe

"Die Friedhöfe liegen voller Menschen, ohne die die Welt nicht leben konnte", zitiert Heinrich Böll einen Aphorismus aus dem "Irish Digest". Auch er liegt inzwischen auf einem Friedhof - und auch ohne ihn wäre die Welt ein Stückchen ärmer.

Das "Irische Tagebuch" gilt als Höhepunkt und Abschluss von Bölls Beschäftigung mit Irland. Noch einmal griff er das Thema als Grundlage für ein Drehbuch auf: Im Juni 1960 entstand eine 40-minütige Dokumentation "Irland und seine Kinder", die im TV gezeigt wurde. Ein Drehort des Films war Achill Island.

So wird alles in der Ferne Poesie - Poem ...
heißt es im Nachspann zum "Irischen Tagebuch".