Wo Literatur entsteht - mein Schreibtisch

Von Bäumen und Menschen

Ein Tag im August 2013

SchreibOrte - wo Literatur entsteht (Edition Schrittmacher 31)Erstmals erschienen in der von Monika Böss und mir herausgegebenen Anthologie: SchreibOrte - wo Literatur entsteht. E-Book

Es hört sich verführerisch an: Schreiben, wo immer man sich aufhält, im Zug, in Cafés, oder im Garten unter einem Rosenbogen. So halten es manche Kollegen. Ich habe es probiert, doch ich fühle mich draußen oder unterwegs zu sehr abgelenkt und kann dort höchstens Notizen machen. Mein eigentlicher Arbeitsort ist mein Schreibtisch. Ich brauche einen festen Platz, um kreativ zu sein. Und Bücher in Sicht- und Griffnähe.

Hier am Schreibtisch fällt mein Blick oft auf die beiden Bäume vor dem Fenster und auf die offenen Wintergärten der Nachbarwohnungen. Darüber wölbt sich der Himmel. Heute ist er milchig grau, verschmolzen zu einer undefinierbaren Einheit. In den vergangenen Tagen war er strahlend blau und keine Wolke darin zu sehen. Morgen wird es wieder so sein, sagt der Wetterbericht. Morgen werde ich mich wieder fühlen wie am Mittelmeer, oder zumindest wie am Gardasee beim Anblick eines tiefblauen Himmels. Sonnenlicht beflügelt meine Phantasie, weckt Feriengefühle. Nein, das wirkt sich nicht auf mein Schreiben aus. Nur auf mein gutes Gefühl. Ich beneide niemand, der zurzeit in Urlaub ist, während ich an meinem Schreibtisch sitze.

Seit einigen Jahren lebe ich in einer Mehrgenerationen-Anlage, einem größeren Gebäudekomplex um einen kleinen Park herum gruppiert. Die meisten Menschen, die in dieser Anlage wohnen, sind mir bekannt. Wir pflegen das, was heute selten geworden ist: Nachbarschaft. Wir feiern miteinander, wir tauschen uns aus. Wir helfen einander.

Wenn ich von meinem Monitor aufsehe, habe ich immer das gleiche vertraute Bild vor Augen. Die Sicht aus dem Fenster, besonders auf die beiden Bäume, inspiriert mich. Jetzt im Sommer sind die beiden Baumhasel sattgrün. Der linke ist umschlossen von dichtem Blattwerk. Dem anderen daneben, etwas kränklichen, wurde die Spitze gekappt. Wahrscheinlich in der Hoffnung, dass er sich wieder erholen möge. Zwischen den beiden Bäumen steht eine Bank. Eine Taube lässt sich darauf nieder, gurrt ein herzzerreißendes Lied.

Jeden Tag, während ich am Schreibtisch sitze, beobachte ich die Bäume, wie sie sich verändern im Wandel der Jahreszeiten. Sie sind  ein Stück Natur, wesentlich älter als die Wohnanlage, die man drumherum konzipiert hat. Dass man sie nicht einfach abgeholzt hat, dafür bin ich sehr dankbar. Während die Spitze des rechten Baumes gekappt ist, treibt die pyramidenförmige Krone des linken gen Himmel. Dieser Baum ist höher als die Häuser ringsum. Und anders als die Häuser wächst er weiter.

Ich freue mich, wenn im Frühjahr die ersten Knospen auf den kahlen Ästen sichtbar werden, die sich langsam und stetig in einen dichten grünen Flaum verwandeln. Wenn die Elster ihr Nest in einer der Astgabeln baut, was mir ihre ständigen Flüge mitteilen, und später, dass sie Nahrung für die frisch geschlüpften Elsterkinder herbeischafft.

Auch der Herbst bietet einen schönen Anblick, wenn die herzförmigen Blätter sich färben und schließlich zu Boden schweben. Das abgeworfene Laub und die kleinen Haselfrüchte wachsen auf der Wiese und im Vorgarten zu Häufchen – nicht zur Freude aller Anwohner. Aber das gehört nun mal zur Natur dazu: Das ewige Sich-Verändern. Das Blühen und Früchte-Tragen. Das Werden und Vergehen.

Im Winter, wenn die Bäume kahl sind, kann ich durch die Zweige hindurch die Wohnungen der Nachbarn gegenüber sehen. Dieser Blick ist mir im Sommer verwehrt. Und wenn Schnee auf das Geäst fällt und die Bäume einhüllt, dann habe ich zwei interessante Skulpturen vorm Fenster.

Sie sind meine Vertrauten geworden, die beiden unterschiedlichen Baumhasel mit ihrem sich wandelnden Blattwerk. Auch heute schweift mein Blick vom mit Notizen, Büchern, Zeitschriftenartikeln und dem Terminkalender vollbelegten Schreibtisch zum Fenster hinaus hin zu den beiden Bäumen, deren Blätter sich sanft im Wind bewegen.

Drei Romane sind bereits hier an diesem Schreibtisch mit Blick auf die Bäume entstanden. Sie sind mein Ruhepol. Meine Assoziationsgeber. Und meine Stofflieferanten. Wenn meine Blicke sich in dem Geäst der Bäume verfangen, beginnen meine Gedanken zu wandern. Wenn ich beobachte, wie die Blätter nach einer eigenen Choreografie tanzen, wie der Wind die Äste hochhebt und sie wieder zurückfallen lässt - oder sie an einem hitzeglühenden Tag, wenn die Luft stillsteht, ein grünes Standbild abgeben, dann wird meine Phantasie in Bewegung gesetzt.

Manchmal hält der Blick nach draußen Einzug in meine Romane. Das hört sich dann so an:

Der Wind schaukelte sanft die leuchtend grünen Blätter des Baumhasels vor dem Fenster. Eine Elster flog zwischen die Gabelung in der Krone mit einem Zweig im Schnabel. Sie baute ein Nest.

Als ich an meinem letzten Roman „Vulkanpark“ gearbeitet habe, ein aufwühlendes Thema, das den Mord an einem Kind zum Inhalt hat, irrte mein Blick oft zum Fenster hinaus. Dann spürte ich das Grün der Bäume als beruhigend. Sagte es mir doch: Das Schlimme existiert zwar, aber es ist anderswo.

Dass Bäume Freunde sein können, das hat Alexandra einst in einem Lied besungen. Der Nachbarjunge in meinem Heimatort fällt mir ein - heute ist er längst erwachsen - aber als kürzlich der Hausbesitzer einen alten Baum hinterm Haus fällen ließ, war er untröstlich. „Der Baum war meine Zuflucht früher. Jedes Mal, wenn ich Probleme hatte, ging ich dort hin, um zu heulen. Den kann man doch nicht einfach so fällen.“

Würde man meine Bäume fällen, mir würde ebenfalls etwas fehlen.

Mein Blick schweift nach links zur Pinwand. Dort hängen Fotos, Gedichte, Eintrittskarten zu besonderen Ereignissen und einige weise Sprüche. Ein wenig gelebtes Leben, aber auch Assoziationsanstöße, wie das Bild mit dem blumenumrankten Straßenschild, das auf die Avenue du Paradis verweist. Oder die Ansichtskarte mit dem Efeu umwachsenen Fenster mit den üppigen rosa Hortensien davor, die mir eine Freundin geschickt hat.

Meine Mutter nannte Hortensien „Ballenstöcke“ – sie waren öfter ein ungeliebtes Geschenk, weil die Blumenstöcke so viel Wasser brauchten. Goss man sie nicht regelmäßig, ließen sie schnell die Blütenköpfe hängen und das Grün der Blätter bekam braune Ränder. Ein interessanter Gedanke ist, dass die Farbe der Hortensie von der Beschaffenheit des Bodens abhängt, je nachdem, wie hoch der ph-Wert ist, färben sich die Blüten blau oder rosa bis rot.

Anders als meine Mutter liebe ich die Hortensien mit ihren leuchtenden Blütendolden … Das Gedicht von Rilke fällt mir ein, geschrieben zu Beginn des letzten Jahrhunderts. Es erzählt vom Farbenspiel und der Symbolkraft der Hortensien, deren Blau verweint und ungenau ist und an altes Briefpapier erinnert. Gleichzeitig beschwört es die Natur als Malerin und Erneuererin und wirft die Frage auf: „Wie fühlt man eines kleinen Lebens Kürze?“

Meine Pinwand, dieses Sammelsurium aus gesammelten Augenblicken, Ideen und Gedankenanstößen wird ständig neu bestückt. Ein Miniatur-Abbild des „Denkers“ erinnert an einen Besuch im Musée Rodin in Paris, Ein Spruch von Picasso verkündet: „Kunst wäscht den Staub des Alltags von der Seele“ … und ganz unten leuchtet: „Das Leben poppt!“

An meinem Schreibtisch werden Dramen durchlebt, Morde aufgeklärt, da werden Menschen verletzt, enttäuscht, geliebt und getröstet. Es ist mein Mikrokosmos, den ich nicht missen möchte. In dem ich vieles von dem verarbeite, was im sogenannten wahren Leben draußen passiert.

Natürlich gibt es eine Verbindung zwischen der Welt vor dem Fenster und meinen Gedanken, feine spinnwebartige Fäden, die das Unvereinbare miteinander vereinen. Schreiben ist Festhalten des Vergänglichen. Und es ist Erhöhen des Vergänglichen, nämlich dann, wenn ein fremder Glanz auf den vertrauten Dingen liegt und sie verwandelt. Ich male mir schreibend ein Bild – und das hat gar nichts mehr mit den Bäumen da draußen zu tun. Oder doch?

Hierbei die Balance zu halten, empfinde ich als Glück.

Vier Jahre später - Juli 2017:

Noch immer lebe ich in dem oben beschriebenen Mehrgenerationenhaus. Vieles ist geblieben, einiges hat sich verändert. Einge betagte Nachbarn sind verstorben, andere Menschen haben ihren Wohnplatz eingenommen. Der kränkliche Baumhasel wurde gefällt und mein Blick aus dem Fenster ist lichter geworden. Alexandras dunkle melancholische Stimme, wie sie "Mein Freund, der Baum, ist tot" singt, klingt mir in den Ohren. Ein Lied aus meiner Jugend, das mir auch nach so vielen Jahren nicht aus dem Kopf geht. Das Lied hatte sie selbst getextet und der Baum war ein Sinnbild für ihre früh verlorene Heimat: Sie war ein Flüchtlingskind aus dem Memelland, das im Krieg mit seiner Familie nach Deutschland geflohen ist. Dieses Lied wurde erst nach ihrem tragischen Unfalltod am 31. Juli 1969 bekannt. Um ihren Tod ranken sich viele Mysterien, die wie ein Thriller anmuten.

PS: Ach ja, an meiner Pinwand hängt noch ein Spruch: “Life is a mystery, not a problem to be solved.”

 

 

Erfahrungen einer Krimiautorin mit öffentlichen Lesungen

InkasUmschlag-klErstmals erschienen in: Monika Böss (Hrsg.) Inkas Lesetraum(a). Anthologie. Edition Schrittmacher im Rhein-Mosel-Verlag, 2011
Eine winzige Prise Gift

Ich bekenne: Ich lese gern. Einmal im Stillen, ganz für mich - damit verbringe ich einen Großteil meiner Zeit. Ebenso gern, wenn auch nicht ganz so oft, lese ich meine eigenen Texte laut vor einem Publikum. Dabei bemühe ich mich, pointiert vorzutragen, die Stimme zu modellieren und mal laut, mal leise klingen zu lassen. Dialoge präsentiere ich in unterschiedlichen Tonlagen und inszeniere auf lebendige Weise meine Geschichten.

Ich bekenne weiterhin: Ich genieße es, wenn hundert Augenpaare gebannt auf mich gerichtet sind, wenn es im Raum so leise ist, dass man eine Stecknadel fallen hören könnte, wenn die Leute an den richtigen Stellen lachen und ihnen an anderen Stellen der Atem stockt, dass sie unbedingt wissen möchten, wie es jetzt weitergeht. Wenn ich, angefeuert durch die Reaktionen des Publikums, zur Hochform auflaufe und der Applaus am Ende lang anhaltend ist, ich im Anschluss viele Bücher signieren darf und die strahlende Veranstalterin mir zum Dank für den gelungenen Abend einen Blumenstrauß überreicht, wenn danach noch interessante Gespräche entstehen – dann habe ich das beglückende Gefühl, meine Sache gut gemacht zu haben …

Doch, solche Abende gibt es durchaus, aber jede Lesung ist anders, wie jedes Publikum ein anderes ist. Seit 1998, also seit dem Erscheinen meines ersten Romans „Mördergrube“ bei Reclam Leipzig halte ich Lesungen.

Bevor ich das erste Mal in der Öffentlichkeit las, habe ich lange geübt. Lesen kann zwar jeder, aber laut und einigermaßen fehlerfrei vor einem Publikum lesen, und dieses zu fesseln, das ist eine Kunstform, die einem nicht in den Schoß fällt.

Die Presse bemerkte damals bei einer meiner ersten Lesungen: „Recht locker setzt Keiser sich hin, vor die restlos geschlossenen Reihen des Publikums … und beginnt flüssig, moderat und schnell mit ihrer Lesung. Und die Art, mit der sie die  Gäste zu fesseln weiß, hat plötzlich doch nicht soviel zu tun mit der schwarzen Magie, die bei vergleichbaren Publikationen schier aus den Zeilen quillt.“ Weiterhin wurde mir bestätigt, dass ich bei den Zuhörern die Imaginatioskraft wecke. Diese Beurteilung empfand ich als großes Kompliment, das mich beflügelte.

Lesungen machen einen Autor oder eine Autorin bekannter, sie sind nicht zu unterschätzende marketingtechnische Möglichkeiten, ein neues Buch zu bewerben. Um die Organisation kümmert sich meine Lese-Agentin Eva Pfitzner und ich bin sehr froh darüber, dass ich diese mühsame Arbeit nicht selbst bewältigen muss.

Es gibt Veranstalter, die bewerben eine Lesung profimäßig: Da werden Anzeigen im Vorfeld geschaltet, die Presse wird kontaktiert, Plakate und Flyer weisen auf das Event hin. Wenn man Glück hat, wie im vorliegenden Fall, ist die Lesung dann auch ausverkauft. Am Abend selbst wurde ein Kellergewölbe im Haus der Buchhandlung krimimäßig mit Kerzen in schummrige Beleuchtung getaucht, meine Romane lagen stapelweise zum Verkauf bereit. In der Pause gab es Getränke und einen kleinen Snack – und am Ende durfte ich viele Bücher signieren, die Leute bedankten sich für die interessante Lesung, es blieb Zeit für Gespräche – und ich war glücklich und zufrieden, auch darüber, dass sich meine Empfindung mit der des Publikums deckte. So geschehen vor noch nicht allzu langer Zeit in der Buchhandlung „ErLesenes“ in Vallendar bei Koblenz.

Und dann gibt es auch diese Variante: Ich war zu einer Weinlesung in Freyburg an der Unstrut eingeladen, einer Stadt in Thüringen, in der die Sektkellerei „Rotkäppchen“ ihren Sitz hat und wo einst Turnvater Jahn die Jugend zu körperlicher Ertüchtigung anhielt. Nach einer viereinhalbstündigen Autofahrt war ich pünktlich vor Ort. Die Weinkönigin war eingeladen, ein örtlicher Winzer sollte Wein ausschenken, der Veranstaltungsraum war ansprechend dekoriert, Pressevertreter und Fotografen waren da - doch auf das Publikum warteten wir vergeblich. Niemand kam. Nicht ein einziger Zuhörer. Man entschuldigte sich, dass zeitgleich andere Veranstaltungen stattfänden, offenbar seien alle Leute dort hingegangen, aber so richtig erklären könne man das nicht … Aber: Das machte nichts. Wir setzten uns zusammen – ein kleines Publikum hatte ich ja – und ich gab sozusagen eine Privatvorstellung. Ich las mit Freude, wie bei jeder anderen Veranstaltung auch. Der Pressebericht, der in der örtlichen Zeitung erschien, erweckte den Eindruck, dass es sich um eine ganz besondere Veranstaltung gehandelt hatte. Dass kein Besucher kam, war mit keinem Wort vermerkt – aber muss man denn immer alles sagen? Manchmal ist Schweigen Gold ...

Ich mag Lesungen in Kombination mit Musik oder einem Event, einem Dinner zum Beispiel. Es ist interessant, wie kreativ die Gestalter der Speisekarte sein können.  Passend zum Krimi gibt es neben der obligatorischen „Henkersmahlzeit“ ein Steak – „das jähe Ende eines Rindviehs“. Und beim Dessert heißt es: „der letzte Bissen, der Ihnen garantiert nicht im Halse stecken bleibt“. Oder wie wär´s mit einem kleinen Liebestrank zum Entree – mit einer winzigen Prise Gift?

Wer Krimis liest, muss Spaß verstehen. Wer Krimiautoren zuhört, auch. Bei dieser Gelegenheit erwähne ich gern, dass ich keine so lustigen Autoren kenne wie Krimiautoren. Und liefere als Erklärung: Wir können all unsere Aggressionen auf Papier bannen – da sind sie gut aufgehoben und richten kein Unheil an.

Eine spezielle kulinarische Lesung möchte ich nicht unerwähnt lassen: Simmern im Hunsrück, Schlossbibliothek: Etwa 60 Zuhörer waren gekommen, organisiert hatte die Lesung die Lotto-Stiftung für ihre Kunst-Preisträger (ich hatte im Jahr 2007 einen hochdotierten 4.Preis bekommen). Im Anschluss an die Lesung  - bei der man tatsächlich die berühmte Stecknadel hätte fallen hören können - richtete der örtliche Kochverein Culinarissimo ein sogenanntes „Flying Buffet“ aus. Gekocht wurde in den äußerst beengten Räumlichkeiten einer Teeküche. Aber das Ergebnis war spitzenmäßig. Die Akteure trugen Chefkoch-Schürzen und die Speisen wurden im Vorübergehen gereicht – winzige Häppchen auf Puppentellern, Süppchen in Tässchen – alles war wunderhübsch angerichtet und hätte jedem Spitzenkoch zur Ehre gereicht. Während des kulinarischen Genießens ergaben sich viele Möglichkeiten zu Gesprächen – und das ist mir besonders wichtig.

In 13 Jahren kommt einiges an Leseerfahrungen zusammen.

Viel Spaß machen mir auch Lesungen mit Kolleginnen und Kollegen. Zusammen mit Bettina Hoffmann-Günster und Susanne Beckenkamp treten wir als „KlasseFrauen“ auf (zuvor nannten wir uns „Freche Frauen“, damals war Ursula Klee noch mit von der Partie – unseren Namen haben wir geändert, aber ein wenig frech sind wir noch immer). Unser Motto lautet: „Mit spitzer Feder aufgespießt“. Das Publikum ist jedes Mal überrascht und begeistert, weil unsere Literaturdarbietungen völlig unterschiedlich sind. Alle drei haben wir Spaß an kreativen Wortspielereien. Und wenn dann die Presse noch schreibt: „Die Zeit ging viel zu schnell vorbei. Das gut unterhaltene Publikum forderte noch einige Zugaben und bedankte sich mit reichlichem Applaus für den schönen, anregenden Abend“ – dann schlägt unser aller Herz ein paar Takte höher.

Mit den unterschiedlichsten Kollegen haben wir schon Gruppenlesungen veranstaltet, manchmal auch an völlig ungewöhnlichen Orten. Ein Konzept, bei dem es einen Moderator gibt und jedem Lesenden nur ein bestimmter Zeitrahmen gewährt wird, den er oder sie unbedingt einhalten muss, hat sich besonders bewährt: Das Publikum bekommt eine große Variationsbreite unterschiedlichster Autoren zu hören. Eine Eieruhr kündet jeweils das Ende an – was die Zuhörer jedes Mal mit einem Lachen quittieren.  

Auch Lesungen in Schulen bestreite ich gerne: Ich habe an Hauptschulen, Realschulen und Gymnasien gelesen und fast immer die Erfahrung gemacht, dass die Schüler sehr interessiert sind und im Anschluss Fragen stellen. Besonders konstruktiv ist, wenn die Lehrer die Lesung vorbereitet haben und die Schüler einen Einblick bekamen, worum es geht – oder von ihrem Deutschlehrer angeregt wurden, ein eigenes erfundenes Ende für – meinen  - Krimi zu schreiben. So des öfteren geschehen bei meinem Roman „Apollofalter“, der einen großen Themenbereich hat, der auch für Lehrer aus anderen Fachrichtungen, wie Geographie oder Biologie, interessant ist.

Zurzeit habe ich großen Erfolg mit meinen Lesungen auf der Bundesgartenschau in Koblenz. Mein Krimi „Engelskraut“ wurde auf Anregung meines Verlegers anlässlich dieses Events geschrieben und erweist sich als Renner. Die BUGA-Organisatoren haben das Projekt von Anfang an begrüßt und es unterstützt. Hierzu habe ich zusammen mit meiner Agentin ein Lese-Programm ausgearbeitet, das während der gesamten Dauer der BUGA in der Zeit von April bis Oktober 2011 durchgeführt wird. Ausgangspunkt jeder Lesung ist der „Mordschauplatz“, der Paradiesgarten. Als hilfreiches Utensil hat sich ein Mikrophon erwiesen, weil im Freien die eigene Stimme nicht weit trägt. Meist sitzt vor Lesebeginn eine Menschentraube erwartungsvoll auf dem Bänkekarree, das den Paradiesgarten umrahmt. Es werden Wandel-Lesungen angeboten, d.h. die Zuhörer bekommen an verschiedenen Schauplätzen jeweils Textpassagen vorgelesen und haben Gelegenheit, Fragen zu stellen. Bei den „Kräuter-Lesungen“ referiert ein Apotheker über Giftpflanzen, und bei den beliebten „Tatort-Lesungen“ wird der Tatort mit einer Schaufensterpuppe als Leiche aufgebaut und ein Koblenzer Kriminalkommissar erläutert, wie die Kripo in dem geschilderten Fall vorgehen würde. Hier trifft Fiktion die Wirklichkeit.

Lesen macht Spaß, diese Erfahrung mache ich immer wieder aufs Neue. Vorlesen ist eine wunderbare Ergänzung zum Schreiben und wenn man, wie ich, eine Agentin hat, die das Ganze organisiert und sich um die Verhandlungen kümmert, dann bleibt mehr Zeit für das eigentliche Geschäft – das Schreiben.

 Zitiert wird aus: „Die Rheinpfalz“, Nr. 67 v. 20. März 1999 und aus „Blick akutell, Rengsdorf v. 30. Oktober 2008

weitere Infos: Inkas Lesetraum(a)

32 Autoren sind in der Anthologie versammelt. Ihre Erzählungen ergeben eine eloquente Schnittmenge an Erfahrungen. Die Fülle an Episoden, in denen Ernsthaftigkeit und Komik ineinander übergehen, soll neben einer guten Portion Unterhaltung auch die Neugierde auf die nächste »Dichterlesung« wecken, dann wenn es wieder heißt: »Der Autor liest …«

Mitwirkende Autoren: Brigitta Dewald-Koch, Astrid Dinges, Christa Estenfeld, Armin Peter Faust, Heiner Feldhoff, Gerd Forster, Barbara Klara Franke, Sigfrid Gauch, Volker Gallé, Madeleine Giese, Margit Hähner, Lydia Hauenschild, Henriette Clara Herborn, Gabriele Keiser, Wolfhard Klein, Christoph Kloft, Andreas Noga, Paul Pfeffer, Wendel Schäfer, Petra Urban, Hubert vom Venn u.a.

 

 

 

 

Schreiben

Einige Gründe, warum ich schreibend mit dem Leben umgehe

"Warum schreiben Sie?" Das ist eine Frage, mit der jeder Autor und jede Autorin irgendwann konfrontiert wird. Ich könnte es mir einfach machen und sagen: "Weil es mir ein Bedürfnis ist." Aber die Antwort kann natürlich auch komplexer ausfallen.

Schreiben bedeutet für mich, die Welt erweitern durch magische Worte. Einen Mikrokosmos erschaffen durch Phantasie und Einfallsreichtum. Dabei ganz bei sich sein. Dem Klang der eigenen Sprache lauschen. Ein bisschen Gott spielen  ...

Indem ich große und kleine Augenblicke des Daseins sammle, begebe ich mich auf Schatzsuche, bin ich unterwegs in ein Abenteuerland ...

Schreiben schult die Wahrnehmung.  Ich will den Dingen auf den Grund gehen, Seelentiefen ausloten, mich nicht mit Oberflächlichkeiten aufhalten ...

Um über etwas glaubwürdig schreiben zu können, muss man es nicht unbedingt erlebt haben. Man muss nachvollziehen können, warum die Dinge sind wie sie sind ...

Eigene Erfahrungen liefern den Rohstoff für Geschichten. Diese werden in einem Akt der Transformation in Sprache verwandelt. Beim Lesen entsteht ein weiterer Akt der Transformation. Insofern kann Sprache niemals 1:1-Abbildung der Wirklichkeit sein, da jeder Leser die Worte mit seinem eigenen Erfahrungshintergrund füllt.

Schreiben heißt auch, der Eindimensionalität, also dem Denken in eingefahrenen Bahnen, entgegenwirken, keine  absoluten Wahrheiten verkünden, sondern Informationen anbieten, aufgrund derer die Leser selbst ihre Schlüsse ziehen können. Indem ich die Dinge aus verschiedenen Perspektiven betrachte und beleuchte, werden sie vielschichtiger ...

Schreiben bedeutet, mich meiner Vergangenheit zu vergewissern, den Prägejahren nachspüren, um meine Zukunft bewusster gestalten zu können. Schreibend  nähere ich mich mir selbst an, erkenne, wie ich auf eine bestimmte Art die Welt betrachte und nehme mich und meine eigene Geschichte als Teil der großen Geschichte wahr. Was natürlich auch für mein Personal gilt, das ich auf ebensolche Weise behandele ...

Mit dem Schreiben lassen sich Fäden spinnen, die auch die Zeitgeschichte aufgreifen ...

Schreiben heißt, die Welt entdecken und sie sich doch vom Leib halten ...

Und auch das ist mir bewusst: Jedes Schreiben ist Manipulation mit trickreichen Wortspielen ...

Und warum ausgerechnet Kriminalromane?

Hier sind Blicke in Abgründe erlaubt, die wir im richtigen Leben niemals zu sehen bekommen - und auch nicht sehen wollen. Es ist die reine Neugier, die uns vorantreibt, in diese normalerweise verschlossenen dark rooms einzudringen ...

Manchmal muss man davon erzählen, wovor man die größte Angst hat. Indem man seine Ängste in Worte bannt, werden sie (be)greifbar und verlieren ihre Schrecken - vielleicht ...

Ich möchte aufzeigen, wie dünn der Firnis der Zivilisation ist, wie leicht wir selbst diejenigen sein könnten, die zurückkatapultiert werden in ein Wesen, das - geschändet und gedemütigt - nur noch Rache im Sinn hat - Rache, das zu vergelten, was man ihm angetan hat ... und dann vielleicht innezuhalten und den Verstand wieder zu gebrauchen, der zeitweise ausgesetzt hat. Das wäre die Kurzversion einer Variante.

Eine andere Variante: Mich in jemand völlig anderen hineinversetzen, mit dem es die Umstände und das Schicksal nicht so gut gemeint haben. Oder in jemand, der zu Unrecht bestraft wurde ...

Den schmalen Grat zwischen "normal" und "kriminell" aufzeigen. Kriminalromane bewegen sich immer entlang von (moralischen) Grenzlinien. Dieses schmale Gebiet zu beleuchten, erscheint mir sehr reizvoll ...

Verbrechen werden von Menschen begangen und von Menschen aufgeklärt, nicht von höheren Mächten. Fehler sind vorprogrammiert - auf beiden Seiten ...

Der Aggression auf die Spur kommen. Herausfinden, warum manche Menschen danach streben, sich selbst oder andere zu zerstören ...

Es wird uns Krimiautoren nachgesagt, dass wir uns viel lebendiger fühlen, wenn wir andere sterben lassen. Zumindest stellen wir nach getaner Arbeit wieder die Weltordnung her. Der Leser klappt das Buch erleichtert zu. Ist doch alles nur ein Roman ...

To be continued ...

 

Werkstattprotokoll

Das Leben, der Tod

Meiner Großmutter habe ich einiges zu verdanken. Sie schickte mich im Alter von 12 Jahren zu einem Schreibmaschinenkurs, der in unserer Dorfgaststätte angeboten wurde. Sie fand, gerade als Mädchen solle man heutzutage Maschinenschreiben können. Heutzutage, das waren die 60er Jahre, und der Beruf, den sie für mich im Sinn hatte, war der einer Sekretärin. Dass ihre Enkelin einmal Bücher schreiben würde – daran hatte sie im Traum nicht gedacht, ihr Denken zielte vielmehr darauf ab, dass das Beherrschen der Tastatur eine gute Voraussetzung für den Beruf eines Bürofräuleins darstellt.

Mein erster „Roman“ wurde nicht auf der Schreibmaschine geschrieben, sondern mit Kugelschreiber auf ausgemusterten rosa Formularen, die mein Vater von der Arbeit mit nach Hause brachte. Die Geschichte handelte von den Sommerferien einer Zwölfjährigen auf dem Land, die zusammen mit ihren Freunden in den heimischen Gefilden einiges erlebte. Die Hauptfigur war ein Mädchen, wie ich gern eins sein wollte: Mutig, stark, klug und sämtlichen Jungs überlegen – eine richtige Heldin eben.

Schreiben ist Fiktion. Im Gegensatz zum Roman können wir unser Leben nicht überarbeiten. Wir müssen es annehmen, wie es ist. Das Sprichwort „Jeder ist seines Glückes Schmied“ stimmt daher nur bedingt. Wir können manches bestimmen, aber in vielen Angelegenheiten sind wir von den Entscheidungen anderer abhängig.

In unseren Geschichten jedoch können wir in die unterschiedlichsten Rollen schlüpfen und uns die abstrusesten Abläufe zurechtspinnen, wir können Katastrophen meistern, wir können spielen und phantasieren. Wir können Helden oder Monster sein. Und wir können die Lösch-Taste betätigen, wenn wir unzufrieden mit dem Ergebnis sind.

„Nichts entsteht vollkommen neu. Immer greifen wir auf Vorhandenes zurück, das uns auf unerklärliche Weise gefesselt, fasziniert oder verstört hat. - Die Welt ist voll von Ideenkeimen. Ich erkenne sie an einer gewissen Erregung, die sie sofort mit sich bringen“, bemerkt Patricia Highsmith in ihrem Buch „Suspense oder Wie man einen Thriller schreibt“ über die Entstehung von Romanen. Das bedeutet nichts anderes, als dass man über das schreibt, was einen im besonderen Maße bewegt. Ich, die ich behütet in einer ländlichen Idylle aufgewachsen bin und mich als dem Leben zugewandt bezeichnen würde, beschäftige mich immer wieder begeistert mit Lebensläufen von Menschen mit psychischen Defekten, die in den Irrgärten ihrer Herzen und Seelen gefangen sind. Natürlich habe ich mich schon oft gefragt, weshalb gerade dieses Thema eine derartige Anziehungskraft auf mich ausübt – wenn ich eine eindeutige Antwort wüsste, bräuchte ich wahrscheinlich nicht darüber zu schreiben.

Die Frage, die mir am häufigsten gestellt wird, lautet: „Warum schreiben Sie Krimis?“ Nun, das Genre ist gefragt wie nie. Krimis bündeln den Zeitgeist in besonderer Weise, sie sind spannend, und sie ermöglichen eine unendliche Themenvielfalt. Das Spiel mit der Angst und dem Nervenkitzel eignet sich wunderbar zur Flucht aus dem Alltag. Ist das Buch zu Ende gelesen, dann ist der Fall geklärt und danach lässt es sich gut schlafen. Dies gibt uns das wunderbare Gefühl, die Welt sei beherrschbar und das Böse besiegbar.

Alle meine Geschichten – ob Krimi oder nicht – kreisen im weitesten Sinne um die Themen Liebe und Tod. Beziehungsgeflechte mit all ihren Höhen und Tiefen haben etwas Faszinierendes. Es macht mir Freude, zu erkunden, wie wir miteinander umgehen, wie wir Krisen aushalten, wie wir Probleme meistern, wie wir Rätsel lösen und wie wir uns dem Unverständlichen nähern.

In meinem ersten veröffentlichten Roman Mördergrube (1998) stelle ich eine psychisch kranke Frau einer jungen Frau gegenüber, die eher leicht durchs Leben geht. Aus diesem Gegensatz entwickelt sich eine gewisse Spannung. Im Krimi Apollofalter (2006) habe ich mich in die Welt eines pädophil veranlagten Mannes versetzt, der sich plötzlich mit einem jungen Mädchen konfrontiert sieht. Um herauszufinden, wie ein Mensch sich in solch einer Situation verhält, wie er denkt und fühlt und mit sich kämpft, bin ich tief in die Abgründe einer kranken Männerseele hinabgestiegen.

Nicht nur für Krimischriftsteller gilt: Menschen mit brüchigen Biographien sind interessanter als solche mit langweiligen, glatten Lebensläufen.

Man braucht keine Mörderin zu sein, um Krimis zu schreiben. Aber man muss sich hineinfühlen können in den Menschen, seine Nöte, seine Ängste, sein zwanghaftes Tun. Man muss unter Umständen das Unsägliche sagbar machen. Auch dann, wenn es peinlich wird. Auch dann, wenn man sich dafür schämen muss. Als Autor ist man während des Schreibens immer beherrscht von der Frage: Wie weit kann ich gehen? Wie weit darf ich gehen?

Ist das Buch erst einmal erschienen, muss ich auch Angriffe aushalten können und dafür gerade stehen, dass die von mir erdachten Menschen Ungeheuerliches denken und auch tun.

Wenn eine neue Geschichte entsteht, sind bei mir sämtliche Antennen zum Aufspüren von Verwertbarem ausgerichtet. Ich beobachte, orte und sammle alles, was ich „gebrauchen“ kann: In der Zeitung, im Fernsehen, in Büchern, in meiner unmittelbaren Umgebung, im Internet. Ständig werden dadurch Assoziationen in Gang gesetzt, Details werden aufgespürt, die genau zu dieser Geschichte passen. Oder sie werden ganz schnell wieder verworfen.

Recherche ist das A und O. Worüber ich schreibe, sollte authentisch sein und da ein Mensch unmöglich alles wissen kann, frage ich auch öfter bei kompetenten Fachleuten nach.

Schreiben ist ein Lernprozess und eine Entdeckungsreise. Schreiben setzt Selbstvertrauen voraus, Risikobereitschaft, Enthusiasmus und Neugier. Und nicht zuletzt Disziplin. Während des kreativen Prozesses mache ich mich ständig vertraut mit fremden Gedanken. Ich muss bereit sein, neue Wege zu erkunden. An jeder Weggabelung muss ich entscheiden, in welche Richtung es weitergeht. Manchmal muss ich von einer einmal eingeschlagenen Route wieder abweichen, weil der Weg ins Nichts führt. Ich muss den Mut haben, dunkle Winkel zu erforschen und mich nah an Abgründe wagen. Ich darf mich nicht davor fürchten, dem Fremden und Unbekannten zu begegnen. Auf dem Weg zum Ziel entdecke ich jedes Mal etliche neue Facetten der Wirklichkeit. Hat mich erst einmal der „Ideenkeim“ gepackt, dann ist Schreiben ein Abenteuer voller Überraschungen.

Wer schreibt, muss bestimmte Regeln beherrschen – nur wer Regeln beherrscht und sie durchschaut, kann sie auch bei Bedarf effektvoll brechen. Alle Phantasie nützt nichts ohne handwerkliches Know-how.

Inzwischen gibt es viele gute Bücher über das Schreiben als Handwerk. Etliche davon stehen in meinem Bücherschrank. Auch wenn ich nicht alle Ratschläge annehmen kann und will, so setzt deren Lektüre doch den Denkprozess in Kraft und zwingt mich, über die Gestaltung von Charakteren, Dramaturgie, Spannungsbögen, Klischees, Wortwahl und Stil nachzudenken.

Dass gleich beim ersten Versuch der vollendete Wurf gelingt, ist äußerst selten, um nicht zu sagen, unmöglich. Für mich ist ein gelungener Text immer das Ergebnis von sehr viel Arbeit. Zunächst kann es aber durchaus hilfreich sein, einfach drauf los zu schreiben, den Kritiker im Kopf für eine Weile auszuschalten und auch abwegige Gedankengänge zuzulassen. So führt eins zum anderen, Assoziationen werden freigesetzt, der Text wächst und Schauplatz und Personen werden immer vertrauter.

Der Anfang einer Geschichte ist wichtig und verlangt mir oft die meiste Überarbeitung ab. Wenn es mir als Autorin nicht gelingt, bereits auf den ersten Seiten den Leser zu „fangen“ und in mein erdachtes Universum hinein zu ziehen, habe ich schon verloren.

Ich möchte dem Leser suggerieren: Hier findest du, was du gesucht hast. Eine andere Lebenswelt, fernab von deinem Alltag. Eine besondere Geschichte voller Sehnsüchte und Leidenschaften, deren Ausgang du entgegenfieberst. Aber es ist nicht eigentlich der Ausgang, der dich interessiert, sondern der Weg dorthin, die vielen Umwege, die Stolpersteine, die die Spannung ausmachen.

Wir Schriftsteller taktieren und manipulieren mit trickreichen Wortspielen, um die Leser bei der Stange zu halten. Wir erfinden uns die Welt neu. Im Endeffekt erzählen wir als Wahrheit getarnte Lügen. Wir wissen: Was man aus der Wirklichkeit machen kann, ist wesentlich interessanter als die Wirklichkeit selbst. Und wir wissen: Gäbe es Thriller und Krimis nicht, wir wüssten wenig von den abartigen Abgründen mancher unserer Mitmenschen.

Die Grundfragen eines Krimiautors lauten immer: Wer hat wann wo was gemacht – und warum? Darüber hinaus ist es notwendig, sich und seinen Protagonisten viele weitere Fragen zu stellen. Und man tut gut daran, seine Antworten nicht allzu einfach zu gestalten.

Früher habe ich oft einfach drauf losgeschrieben, ohne den Schluss meiner Geschichte zu kennen. Nicht selten bin ich dabei auf halber Strecke stecken geblieben. Inzwischen bin ich der Überzeugung, dass man das Ende wissen muss, um gezielt darauf hin schreiben zu können. Das heißt allerdings nicht, den kompletten Verlauf der Geschichte in allen Einzelheiten zu kennen. Oftmals bin ich selbst überrascht, wohin der Weg führt, den ich so nicht angesteuert hatte. Das ist das spannende am kreativen Prozess. Aber mit dem Ende im Blick kann ich Details  in den Text einbauen und Widerhaken auswerfen, die irritieren, Fragen aufwerfen und neugierig machen, Hinweise, die den inneren Zusammenhang meiner Geschichte ausmachen.

Thema und Subthema spiegeln sich in unterschiedlichen Varianten. Schwarz-Weiß-Malerei vermeide ich. Menschen sind fehlbar. Das macht sie menschlich. Also sind auch meine Charaktere fehlbar. Auch wenn sie Schwächen haben, taugen einige von ihnen als Identifikationsfiguren, weil wir nun mal nicht perfekt sind.

Ich möchte, dass sich das Leben mit all seinen Möglichkeiten in meinen Geschichten widerspiegelt: Wie wir Beziehungen knüpfen, wie wir Freundschaften schließen, wie wir Frustrationen ertragen und Enttäuschungen hinnehmen, und nicht zuletzt, wie wir Freude, Lust und Glück empfinden.

Ein Verbrechen steht stets am Endpunkt einer besonderen Entwicklungskette, die aus Ursache und Wirkung besteht. Wie ist es dazu gekommen? Welche Ereignisse führen dahin? Was ist da an Verwundungen, Frustrationen, Traumata voraus gegangen? Wie geht das Umfeld damit um? Das sind Fragen, mit denen ich mich in meinen Romanen und Kurzgeschichten konfrontiert sehe. Um diese Fragen geschickt zu platzieren, muss ich ein Gefühl für das richtige Timing haben und dafür sorgen, dass sich das Geschehen schleichend entwickelt. Gezielt gesetzte Wendepunkte wiederum erhöhen die Spannung. Erwartungshaltungen versuche ich zu durchbrechen und so einen Überraschungseffekt zu erzielen. Was einen Text besonders macht, ist sein eigener Stil, seine eigene Sprachmelodie, der besondere Umgang mit Worten. Details, die die Sinne ansprechen, machen einen Text lebendig. Aber das Wichtigste sind glaubwürdig angelegte, komplexe Figuren.

Wie entwickelt sich eine Persönlichkeit weiter? Indem sie mit Konflikten konfrontiert wird. Konflikte fordern Lösungen, man will wissen, wie sich diese Figur entscheidet und warum, welche Kämpfe sie austrägt und welche Kräfte sie antreiben.

Konflikte entstehen, wenn die Wünsche der Figuren auf Widerstand stoßen und sie zwingt, eine Entscheidung zu treffen. Wie eine Figur handelt, sagt viel mehr über ihr Wesen aus als die Worte, die sie spricht.

Wenn meine Romane Bilder wären, würde ich sie mir als handgeknüpfte, Fischernetze vorstellen: Engmaschige Gewebe aus verschiedenfarbigen Fäden, die netzförmig miteinander verwoben sind, an manchen Stellen brüchig, an manchen unzerreißbar – und vielfach geflickt. So wie menschliche Beziehungen.

Schreiben kann Vergnügen sein, aber manchmal ist es eine regelrechte Tortur. Da sind die Stunden, in denen man brütet, entwirft und sofort wieder verwirft – oder aus einer unerklärlichen Angst heraus erst gar nicht den Computer anstellt. Aber das sind Phasen, man weiß: das geht vorbei, wie eine Krankheit vorbeigeht. Danach ist man wieder gestärkt und geht ans Werk. Dann fühlt man wieder, welche Freude es ist, sich für ein paar Stunden aus der realen Welt auszuklinken und in die Parallelwelt einzutauchen, in der wir allein die Fäden ziehen.

„Schreiben ist wie eine Jagd. Da gibt es bitter kalte Nachmittage und nichts ist in Sicht, nur der Wind und dein brechendes Herz. Dann der Moment, in dem du etwas Großes zur Strecke bringst. Das ist stärker als ein Rausch.“ So die amerikanische Autorin Kate Braverman.

Ist die Geschichte einmal aufgeschrieben, heißt das noch lange nicht, dass sie fertig ist. Sie wird vielfach überarbeitet. Das bedeutet: Immer wieder denselben Text lesen, Ausdrücke und Wortwahl überprüfen und gegebenenfalls ersetzen. Manchmal besteht das Überarbeiten aus dem Austausch von einzelnen Worten, manchmal werden neuen Sequenzen eingefügt, andere, pointiertere Dialoge werden ausgearbeitet oder ganze Kapitel umgeschrieben. Mit der Zeit bekommt man einen Sinn dafür, was wichtig ist und was getrost weggelassen werden kann. Wenn mich das Überarbeiten dazu zwingt, liebgewonne Sequenzen wieder zu streichen, weil sie einfach nicht mehr passen, dann tut das besonders weh. „Kill your darlings“ - das ist oberstes Gebot eines Autors, der über sich hinauswachsen will.

Nichts entsteht in einem luftleeren Raum, und es ist nicht nur unsere eigene Lebensgeschichte, die uns prägt, sondern auch die Bücher, die wir gelesen haben. Bücher sind mir eine ständige Inspirationsquelle. Über das Wesen des Menschen habe ich mehr in Büchern erfahren als im wirklichen Leben. In Büchern findet man immer ein Stück der eigenen Innenwelt wieder.

Das Schreiben von Krimis hat mir verdeutlicht, dass es das Gute ohne das Böse nicht geben kann. Die Reibung an dem als „böse“ empfundenen Andersartigen ist notwendig, um das Gute zu erkennen. Zum Menschsein gehört das Böse dazu. Das ist die Dichotomie unseres Lebens. Der Himmel ist nicht denkbar ohne die Hölle. Das Leben nicht möglich ohne den Tod. Es sind zwei Seiten ein- und derselben Medaille.

Im Dazwischen sind meine Geschichten angesiedelt, in denen Wahres, Erfundenes, Erlebtes, Beobachtetes und auch Widersprüchliches ein Konglomerat ergibt, das auch Auskunft über seine Erfinderin erteilt.

Das Leben ist spannend, unterhaltsam, trivial, lustig und aufregend.

Es steckt voller Geheimnisse, die es zu entschlüsseln gilt. Die Wahrheit hat nie nur ein Gesicht, sondern viele Facetten.

Alles wird irgendwann zu Erinnerung. Alles ist vergänglich und das, dem wir heute so viel Aufmerksamkeit widmen, wird bald schon wieder überholt sein. Das Erhabene und der Abgrund liegen eng beieinander. – Auch dies erfahren wir im Laufe unseres Lebens.

Beim Wiederlesen meiner Romane wird mir jedes Mal bewusst, wie mein eigenes Leben – meine eigenen Empfindungen und die von Menschen aus meinem nahen Umfeld sich in die Texte eingeschlichen haben – verteilt auf die unterschiedlichsten Figuren. Meine Vergangenheit ist der Steinbruch, aus dem meine Geschichten entstehen.

 

 

 

 

 

 

 

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